„Und irgendwann willst du, dass der Tag auch sinnvoll war!“

Ich blicke in Augen, die über 2 Jahrzehnte Werbung sichtbar machten. In denen Autos fliegen und kleine Menschen seitwärts die Wände hochlaufen können.  Über 20 Jahre mitgemischt, und Welten mit Schein gezaubert. Irgendwann sei er einfach weg, einfach, um die Tage mit mehr Sinn zu füllen. 

 

Jens Ade – GF und liebevoll „Chef“ genannt (von den Menschen mit den Verkaufsausweisen) - von Deutschlands anspruchsvollstem Straßenmagazin, deren Verkauf die Obdachlosen steuern. Und wegzudenken sind sie längst nicht mehr – die Menschen, hinter denen Schicksale stecken. Oder auch nicht. Aber als mir Ade von einer jungen Rumänin spricht, die ihr Kind bei der Großmutter ließ, um hier das kleine Ersparte zu verdienen, um es nach Hause zu schicken, schlucke auch ich. 

 

Jens Ade kann die Obdachlosenzahl nicht kleiner machen, im Gegenteil – 46 ist das Durchschnittsalter jener, die plötzlich tot aufgefunden werden. Ein Baum mit graviertem Metallring um die Rinde erinnert in einem Wald an die, die es versuchten. DEMUT sei das Wort, das den Raum füllt, während wir sprechen. Demut vor dem Leben.

 

Seinen Arbeitstisch habe er vor langer Zeit näher herangerückt, die Tür seines kleinen Büros stehe i.d.R. immer offen, um stets den Blickkontakt zu seinen KÜNZTLERN zu halten, die im hellen, freundlichen Warteraum oft zusammen hocken, Geld abgeben, Geld bekommen, kaufen, kassieren, rauchen, reden, sich aussprechen.

 

Ein Stück Wärme unter Gleichgesinnten. Und doch nicht gleich, denn jeder hat seine eigene Vita, nur die Gegenwart vereint sie jetzt. Aber manche Leben sind gepflastert mit ein bisschen mehr Glück als andere. Und schon spricht Ade von einer Frau, zu der eine kleine Gemeinde so viel Nähe aufbaute, dass man sich zusammen schloss und gemeinsam eine Bleibe suchte - und fündig wurde.

„Bloß kein Geld in die Hand drücken, höchstens mal aufrunden!“ insistiert er und ich verstehe, dass die Verkäufer keine Bettler sein wollen, sie verkaufen ein Produkt, es ist ihr Job: Magazin gegen 1,90€. Ein ganz normales Tauschgeschäft.

 

Wenn Jens Ade sein Magazin und sein Team in elitären Business-Clubs vorstellt, macht er klar: „Erhebt euch niemals über diese Menschen, denn jeder von euch könnte diesem Schicksal folgen!“

20 Jahre Hinz&Kunzt (weil FÜR Hinz und Kunz und VON viel Kunst), 75.000 Exemplare, die monatlich so stolz gewachsene Zahl – ohne Zuschuss von der Stadt, allein von Spenden und natürlich vom Verkauf. Gewinn darf nicht sein bei gemeinnützigen Vereinen. Aber immerhin erlaubt die Stadt die vielen Standpunkte. 60 Nationen vertreten das Blatt, 60 Länder, die in HH an der Straße stehen und ein bisschen Hoffnung haben, und wenn es nur der nächste frische Kaffee an der Ecke ist. Doch wer seinen Erlös gegen Spiritus tauscht, wird nicht bewertet, alles unerheblich. "Getrunken wird doch überall!"

 

Jens Ade besucht in freier Zeit seine Künztler an ihren Standorten und erkämpft für sie auch Unterkünfte. 

Auch wenn man nicht gerade Schlange steht für diesen Job, so ist es eine gute Brücke zwischen Hier & Dort, zwischen Menschen & Menschen, bis doch wieder eine sein Büro erstürmt und mit Tränen in den Augen um einen Verkäuferausweis fleht. Manchmal liest Jens Ade auch mal Menschen von der Straße auf und holt sie ins Verkäufer-Team.

Ein souveräner Mann, der Ade, einer mit großem Herzen am rechten Fleck. Einer mit Schalk im Nacken und von großer Bescheidenheit, vollen Lobes für sein Team und voller Freude auf jeden Tag, der keinem Drehbuch unterliegt. 

 

Er lacht, als ich ihn abschließend noch frage, wie viele seiner ehemaligen Werberkollegen ihm gern folgen würden. Es scheinen nicht wenige zu sein, die ihn beneiden um diese verdammt vielen „sinn-vollen“ Tage!

 

http://www.hinzundkunzt.de