Willst du deine Grenzen testen, dann treffe einen, der keine kennt. Ich treffe RONNY von Wieglas, den Fotografen, der  Bögen überspannt. Der aus Menschen Kunstwerke formt. Der Realitäten in Wahnsinn verwandelt. Der in Abgründen Schönheit und Tiefe entdeckt, und der in Brüchen das Animalische bewundert. Er ist dunkel, manchmal ziemlich schwarz. Die Szene, in der er sich bewegt, hat mir zu wenig Licht, doch in Berührung mit dieser zu kommen, für ein paar Stunden Inszenierung - das kickt.  

 

17h. Mein Kopfkino läuft gefühlte 2 Stunden, ich ahne nicht, worauf ich mich da eingelassen. Ich tanze durch mein gesponsertes Atelier und suche meine Souveränität. Ich, die großkotzig zu Wieglas sagte, ich bin locker dabei, er soll mal machen. 20 Minuten später steht er im Loft. Punk. Schwarz. Die Entspannung ist ihm anzumerken. Mir nicht. Seine Ohrlöcher so groß, als passte meine Zungenspitze da durch. Ich halte die Klappe und werf mich in den ersten Fummel. Startschuss! Wieglas in seinem Element. Nicht reden, einfach machen. Augen zu, damit er mir was auf die Lider spachteln kann. Farbe. Kopfkino nimmt Ausmaße an.

 

Aus dem Nichts und ohne Warnung sprüht er mir n halben Liter Wasser aufs Gesicht, aufs Dekolletee, auf Hals und Nacken. Ich spüre, wie die Farbe – welche Farbe überhaupt? - zerläuft und eine Straße über meine Wangen streich(el)t. Ganz langsam bahnt die Suppe ihren Weg sich über meine Brüste. Bloß nicht bewegen – Wieglas tanzt um mich herum und ich starre in die Linse. Ich kann mich spiegeln sehen und erkenne Augenränder wie Spinnen. Wie viel wird nachher von mir bleiben? Ich finds geil.

 

Das Shooting hat nicht annähernd seinen Höhepunkt erreicht. Ich werde alles über mich ergehen lassen. Mich erfahren. Ich lege mich auf eine meiner Leinwände, die Hände unterm Steiß. Dann rolle ich mich ab, mir wird befohlen: „Augen zu!“ - Es nieselt irgendwas von oben. Wie Staub, der meine Poren verschließt. Es ist so still im Raum, dass ich ihn hören kann, den Staubregen, der meine Haut bestreicht. Knips, knips, drappier, drappier. Ortswechsel. Ich greife in mein Haar, das keins mehr ist. Ich suche einen Spiegel und sage zu Wieglas: "Wenn ich schreie, ist es vorbei!"

 

Ich schreie! Aber vorbei ist gar nichts. Im Gegenteil gehts erst richtig los! Outdoor. Wir springen über still gelegte Gleise und ich leg' mich ins Gestrüpp. Ich picke Glasscherben aus dem Boden und schicke ein paar Käfer ins Exil. Und wieder Augen zu. Meine Augen so schwer wie Blei und verklebt wie Kleister. Meine Kontaktlinsen mittlerweile farblich getönt, doch ich mach weiter., kann mich nicht entziehen. Weiter, weil alles andere nicht zu mir passt. Das ist, als seist du aufm Trip! Als hättest du dir irgend so ne Pille eingeworfen, die dir dein "stinknormales" Leben amputiert. Abgeschnitten von Konform und Konvention. Wieglas bleibt noch immer souverän.

 

Mein Gesicht auf Stein, mein Bauchkleid voller Erde, Gras und Dreck aus einer anderen Zeit. Derlei Entdeckungen, Empfindungen – ich verliere meine Unschuld und werde in dieser Art zum 2. Mal entjungfert (dabei kenne ich Shootings zur genüge). - Dann folgt der letzte Streich. Ich bin nicht mehr Mensch, ich bin ein Avatar aus "Avatar", so blau, so traumhaft schön entstellt. Wieglas hat ganze Arbeit geleistet. Seine Hingabe für Brüche, seine klaren Vorstellungen, doch intuitiven Handlungen, filmreif! Die Gesichter vor seiner Kamera - Leinwände, Projektionsflächen seiner Fantasien.

 

Ich werfe mich in meinen letzten Fummel und er mischt irgendwas zurecht. Seine Finger gleiten durch den nassen Ton, bevor sie mein Gesicht berühren. Ich genieße, als klebe eine Schönheitsmaske ... Als der letzte Klumpen Matsch auf mir erhärtet, soll ich das Gesicht in Mimik werfen. Es bricht auf mir, als entschlüpfe ich aller vorangegangen Schichten. Mein Kokon ist geplatzt und ich empor schlüpft ein mir unbekanntes Wesen. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich noch ICH bin.

 

20h – es ist vorbei. Aber fertig bin ich nicht. Ich trau mich kaum, die Kunst von mir zu waschen, und es.... funktioniert auch nicht. Mit einem Camouflage-Gesicht sitz ich vor dem Steuer. Wer 3 Stunden Wieglas hinter sich hat, den verlässt der Mut nicht mehr! 250 Bilder sichten wir bei mir Zuhause noch. „Wann machen wir weiter?“ wirft er fragend in den Raum. Ein Traum.

 

Was soll ich sagen? Er ist kein Fotograf. Er ist viel mehr. Und Filme dreht er auch. Er führt Regie bei Film, Kunst, Foto. Und Tischler ist er auch. Schon heute ist er einer der ganz großen – Liga Stone und Tarrantino, denn seine Nische ist klein! Und ich kann stolz behaupten – auch ich war einmal eines seiner Werke! http://wieglas.de

 

Anm: „Da ist die Welt, sie steigt und fällt. Und rollt beständig, sie klingt WIE GLAS – wie bald bricht das!“ (Goethes Faust)

  

Mein Bericht zum Shooting: www.wieglas.de