Ja, du bist schön! Und du und du und.....!“ Wer hat Ihnen genau das zum letzten Mal wann und wie mitten ins Gesicht gesagt? Nein, nicht wie früher, wenn das die Masche eines Mannes war, der über diese Aussage ein Türchen zum körperlichen Paradieszu öffnen hoffte...

 

Da stehe ich letzte Woche wie angewurzelt vor diesem Plakat an einer Litfaßsäule: „Die schönste Jury der Welt sucht das schönste Mädchen der Welt.“ Ich bleibe nicht stehen, weil ich ein Groupie der Models bin. Ich bleibe stehen und starre ob dieses beschissenen Formats. Zuhause bekämpfe ich verzweifelt die Oberflächlichkeit einer Pubertierenden, gerade angesteckt vom Kleidungswahn der anderen und all der Kataloge. Kleider machen Leute? Ich will Schuluniformen! Meine Große sagt, sie würde ab sofort ohne Maskara das Haus nicht mehr verlassen und sich sogar noch schöner fühlen, wenn die Brüste noch runder und der Bauch noch flacher wären. Wenn sie endlich die neuen Schuhe, die sie natürlich alle haben, auch bekommt. Und ich als „Alte“ versuche bei einer Pubertierenden mit den Worten durchzudringen: „Schönheit strahlt doch von Innen nach Außen! Das schönste Make up macht doch einen Menschen noch nicht schön! Und beliebter so wie so nicht!“

 

Was ist denn schön? Wie viel von wahrer Schönheit, die immer innen liegt, dringt durch zu uns, wenn nur noch an sich rumgeschnippelt wird? Wenn wir nicht lernen, tiefer zu schauen? Wenn alles kaschiert, wenn die wahre Schönheit übermantelt wird, weder Busen noch Lachfalten echt sind? In den 80ern trug ich farbige Kontaktlinsen und bekam Komplimente für meine blauen Augen. Dabei habe ich grüne und mich irgendwann dafür geschämt, die Leute so verarscht zu haben.

 

Das schönste Mädchen der Welt.....jedes Mädchen will schön sein. Es gibt doch nicht die Eine! Wie wäre es mit dem Format: „Das netteste, das engagierteste, das gebildetste Mädchen der Welt“? Oh, wie sehr ich schöne Menschen liebe – ihres Strahlens wegen, denn mein Blick hat sich verändert. Mit 20 umgab ich mich gern mit schönen Menschen, besonders Jungs, man gab ein bisschen an. Und heute? Ich verliebe mich augenblicklich in Makel. In Narben. In Falten. In alte Gesichter. In Stimmen. Schönheit ohne Ausstrahlung ist für mich keine Schönheit. Bei einem schönen Menschen ohne Herz und Hirn verblasst die Schönheit augenblicklich. Meine Freunde beobachte ich seit knapp 30 Jahren, die sind immer schön, weil mich ihr Wesen fasziniert, und weil sie immer bei mir sind. Sie haben schöne Charaktere (neben sehr viel Atraktivität). Was kann man mit Schönheit kaufen? Nichts. Wir können erste Blicke auf uns ziehen, auch schlafende Neider wecken, Männerfantasien lebendig machen, aber: nachts sind alle Katzen grau. Da liegen die schicken High heels in der Ecke, das Make up schläft im Wattebausch, die Haare werden wieder abtoupiert und der Push Up ruht vom schweren Einsatz aus. Was macht uns so schön? Ich lernte eine Dame kennen, sie war so korpulent, sie hatte strähnige Haare, und doch: sie war so schön. Aus ihren Augen strahlte die pure Jugend, die Liebe, das Leben. Ihre Falten erzählten Geschichten. Warum wollen Menschen diese glatt bügeln? Sie bügeln sich glatt und müssten ganz andere Dinge unters Messer werfen: kleine Sünden und Gemeinheiten, die sie begannen.

 

Wann hat Ihnen jemand gesagt, dass Sie schön sind? Wann haben Sie es ihm geglaubt, obwohl Sie selbst sich gerade nicht leiden mochten? Unsere morgendlichen Deko-Masken verstecken jenes Leid und Unwohlsein, das unsere Augen trotzdem offenbaren. Ach, auch ich möchte sowohl schön sein als auch mich schön fühlen. Ich möchte aber nicht (von fremden Männern) hören, dass ich schön bin, denn ich glaube es ohnehin erst, wenn einer von ihnen genauer hinsieht. Wenn ein Mann das kleine Grübchen hinterm Ohr entdeckt, die kleine pulsierende Ader am Hals, das borstige Wimpernhaar und die unterschiedlich langen Ohrläppchen. Wenn jemand Dinge auf den ersten Blick erspäht, die selbst für mich nicht immer sichtbar und schon fast vergessen sind. Ja, auch ich mag es, mich mit schönen Menschen zu umgeben, aber nur und ausschließlich in der Tiefe, wenn sie auch innen so schön sind. Meine große Tochter wird das noch lernen müssen, und vielleicht helfen ihr meine kleinen Lebensweisheiten doch eines Tages: „Die Freundin im Rollstuhl kann mehr Freundin sein als jene beliebte Schulkameradin mit den schwarzen langen Lockenin, um dessen Gunst sie alle buhlen.“ Das schönste Mädchen der Welt......sagen sie Ihrem Kind, dass genau Ihres dieses Attribut bedient! Natürlich fällt auch mir es nicht gerade leicht, wenn die Haare meiner Pubertierenden wieder mal strähnig, die Kleiderwahl zum Schreien und ihr Ton mir gegenüber regelrecht zum Kotze ist! Aber wir müssen es ihnen sagen! Und ich wünsche uns allen anderen, dass auch wir es uns gegenseitig sagen und zu hören bekommen. Und wir dabei niemals vergessen, dass ein schönes Außen schnell verfliegt, wenn es dazu kein schönes Innen gibt! Also: fühlen Sie sich wohl, seien Sie glücklich, lieben Sie Ihr Leben und: verlieben Sie sich doch mal wieder in sich selbst. Erst recht in dies kleinen Makel und Unebenheiten – bei sich und bei anderen!