Nordsee. Die Füße im Schlamm, kleben sie im Wattbrei, den die Ebbe hinterlassen hat. Es schreibt sich anders an der Nordsee, und mit Sicherheit noch schöner sogar IN ihr. Doch für heute reicht die Kälte des Windes, denn unter Wasser kriege ich ne Gänsehaut, die sich anfühlt wie ein Streuselkuchen. Ich grabe ein tiefes Loch für meine Kinder, doch auch nach vier Stunden passen gerade mal nur zwei Paar Füße rein. Bin wütend auf die kleine Schaufel, auf den steifen Nacken, auf die Blasen am Daumen. Ich hätte auch mit Teelöffeln graben können! Ein sehr betagter Mann, mehr Knochen als Fleisch, joggt an dem Loch vorbei und ruft zu mir: „Backen Sie Kuchen?“ „Eher ein Grab. Was gäbe ich jetzt um 'ne Sahneschnitte mit Himbeerkrönchen!“

 

Ich bin ganz Meer, je länger ich in diese Kante starre, den Schnitt zum Horizont. Und dort erscheinen Bilder, die mich ungefragt belästigen, hören nicht auf und drängen sich als Endlosstreifen auf. Ich wollte doch so gern mal offline gehen! Offline von den letzten Jahren, Wochen, Tagen. Von den Trennungen um mich herum, in denen ich meinen Freundinnen Taschentücher mit Blümchendruck reichte und schwor, die Tränen würden darin schneller trocken.

 

Am Strand sehe ich nur wenige Familien, meist sind es herausgerissene Einzelteile, jeder für sich. Die wenigen, die ich sehe, sehe ich mir schön. Ich kenne das, ich hatte das, und es war wirklich schön. Es schien so ganz und rund. Beginnt nicht jede Liebesgeschichte schön, und endet tragisch, je intensiver sie gewesen ist? Es war einmal.... genau so beginnt doch jedes Märchen! Und warum muss das immer so sein, dass ein Stück von uns geht, wenn jemand von uns geht? Denn wenn er geht, dann wird ihm etwas von uns folgen. Wir nennen es Sehnsucht, vielleicht auch Herz, und davon gibt es doch nur eins. Wenn jemand geht, dann könnte er uns doch was schenken für die Zeit, die war und dafür, dass wir gehen lassen ohne fest zu halten und zu kämpfen, weil man Reisende nicht aufhalten darf. Vielleicht so Treue-Punkte für unsere Treue, und Punkte für unsere Liebe, unser Verständnis, unser Ohr, unsere Hand, unseren Körper, unser dies & das. Doch stattdessen nimmt er etwas mit, und manchmal sogar Zuversicht und Hoffnung. Natürlich wären wir gern mitgegangen, wenn er uns verlassen hätte, doch wurden wir ja nicht gefragt. Und hinterherlaufen traumatisiert. Tja, so wurde der Betrieb Partnerschaft einfach eingestellt und bis aufs Weitere geschlossen. Wir räumen unseren Platz für Jüngere und Frischere, die bringen neuen Input und fahren Karussell mit dem Kerl, das macht schön schwindelig, verdrängt die schweren Zeiten mit der Ex. Fort mit dem Elend, jetzt hat man sich das Paradies verdient, ab jetzt herrscht im Betrieb nur Hochbetrieb, der endlich schwarze Zahlen schreiben wird! Au revor! Das wars dann wohl mit weiteren Spaziergängen durch morsche Seelenlabyrinthe. Wir schreien erst einmal das Angestaute in uns raus, denn das befreit so schön! Vielleicht sind wir auch kollektiv ein bisschen traurig, weil einer von denen, die man kennt, sich auch gerade trennt. Hochkonjuntur für Blümchen-Tempos! UNS und WIR gibt' jetzt nicht mehr, OP gelungen. Siamesen getrennt. WIR sind es nicht mehr und wären es doch gerne noch geblieben, wären gern lieber zu zweit dement und inkontinent geworden. Doch einer hatte nicht den langen Atem und verwandelt die Zeit in eine Un-Zeit. Aus Glück, Zufriedenheit und Sicherheit wurden Unglück, Unzufriedenheit und Unsicherheit. Nur die Un-endlichkeit hat sich die Silbe selbst entfernt. Da steigen Bilder in uns auf, aber schön war mal anders. Jetzt sind da die, die nach uns kommen, sich ins Nest setzen und sich bedienen können, obwohl wir das alles erst geschaffen haben. Finger weg! Das ist nicht ihrs!

 

Ich stehe in der Nordsee. Dort, wo ich gemeinsam mal mit jemand die Unendlichkeit beschwor! Am Strand des Lebens spazierte und noch im Alltag nach den schönsten Schätzen tauchte. Und es war schön, aus kleinen Muscheln eine Kette zu basteln. Und auch eine zweite. Heute sind die Muscheln übrig, da fehlt ein Hals für sie.

 

Oh, dieses ganze Kommen und Gehen. Das Beginnen und Enden. Da reißt uns jemand das Herz heraus, setzt das Skalpell an, verschneidet sich beim Filetieren noch und wirft es das Kunstwerk danach einfach weg. Und dabei hatte er es doch erst groß gemacht! Trennungen tun so oft weh, doch muss das wohl so sein. Wer will schon um jemand trauern, der uns nichts bedeutete? Am Ende bliebt es so wie so die ganz große Geschichte, auch wenn sie niemand außer uns und jenen Doofen je verstehen wird.

 

Heute ist das Leben Nordsee! Und schon wissen wir, dass sogar jene, die nach uns kommt, natürlich ein Recht auf jemand hat, der mit ihr glücklich ist. So wie einst mit dir. Bis beides plötzlich nicht mehr da war. Kommt, lass uns unsere Namen tanzen und auf die vielen Neuentdeckungen blicken! Wir werden ohnehin nur kriegen, was wir auch gönnen können!