Wenn du klein bist, wirken zwar deine Träume nicht klein, aber in der Relation zu heute waren sie es doch. Wenn du ein bisschen größer bist, träumst du nicht mehr von der schönsten Puppe. Du träumst von schönen Brüsten und dem ersten Kuss. Du erinnerst dich an all die schönen Märchen, die dein Vater dir abends immer vorgelesen hat. Die meisten hatten doch ein Happy End. Und mit Ende 40? Da träumst du von Dingen, die man nicht kaufen kann. Du willst gern angekommen sein und Anker geworfen haben. Willst deine Berufung gefunden haben, mit ihr dein Leben finanzieren. An der Seite deiner zwei Kinder und deinem Mann. Und dann ziehst du Bilanz. Und du schaust dich um. Deine Freunde aus Kindertagen sind noch da. Deine Berufung hast du zum Beruf gemacht. Dein Traum, ein paar Büche zu schreiben, hat sich auch erfüllt. Und doch bleiben die kollektiven Wutausbrüche mit deinen alten Freundinnen nachts auf dem Balkon. Mütter sind wir fast alle geworden. Aber jene ohne Berufung, ohne Leidenschaft für etwas, ohne dieses Brennen, sind auch unter uns.

 

Und die privaten Träume von einst? Familie. Ehe. Glauben. Hoffnung. An diese eine große Geschichte. Meine Generation kennt noch jene Menschen, die einander wie Pech und Schwefel in allen Lebenslagen zusammen hielten. Wollten Sie? Mussten Sie? Und unsere Kinder? Haben sie Vorbilder in Sachen Liebe, Freundschaft, Wertigkeit und Solidarität? Die Welt rast. Und sie rast immer noch nur in die eine Richtung. Ich bin jetzt reif, doch noch gesund, vital, aber meine Lebenskurve nicht mehr steil nach oben sondern unterliegt Hand in Hand mit meinen Brüsten langsam der Schwerkraft. Ich warte auf die Wechseljahre, die ersten Knochenleiden und ahne doch, dass ich auch ihnen mit Souveränität begegnen werde. Was ich aber keinesfalls cool hinnehmen kann ist die Tatsache, dass kaum noch einer an die eine große Liebe glaubt. Sie wünschen. Sie hoffen. Sie träumen. Aber nur für sich allein im stillen Kämmerlein, wenn wieder keine Hand dir nachts unterm Kissen begegnet. Keine Lippen deine suchen, wenn du aufwachst am Morgen. Die Zeit rast. Und sie rast immer nur in eine Richtung. Wo sind sie nur, die Träume von einst?

 

Was suchen die Menschen? Und jene Männer, die ihre Familien verlassen, und nicht, um eben mal schnell Kippen zu ziehen? Ich wurde traurige Zeugin von Trennungen, und sprach doch als Trauzeugin die schönste Rede für jene, an die ich so glaubte. Vergangenheit. Geld regiert die Welt? Mir egal, denn in meiner Welt sollen Liebe, Freundschaft und Werte regieren. Und ganz oben steht die Liebe. Wie viele Gesichter hat sie anno 2018? Zeigt sie uns nur für eine Weile ihre makellose Schönheit, und wenn wir uns in ihr sicher und geborgen fühlen, entzieht sie sich uns schon? Auch ich habe geglaubt. Und ich habe geliebt. Ich kenne jene suchenden Hände und fordernden Lippen und Körper – aber heute bin ich allein. Mit meinen Träumen von einst, die viel mehr Spaß machen, wenn sie geteilt werden, denn dann verdoppeln sie sich auch. Einsam bin ich nicht, denn ich mag mich. Und ich habe zwei Töchter, tolle Freunde, eine Familie sowie eine Berufung, die ich selbst im Rollstuhl noch ausführen könnte.

 

Aber was werden meine Töchter eines Tages träumen? Sie sehen Familien auseinander brechen. Freundschaften sich auflösen. Junge Mobbing-Opfer von der Brücke springen. Vorbilder? „Was ist das, Mami?“ Wovon also wird diese Generation einmal träumen? Oder träumt man einfach nicht mehr, weil man nicht weiß, wovon und wie das geht? Träume sind die Treiber, mit denen wir uns auf den Weg machen, um sie ans Ziel zu bringen. Nein! Ich bin 48, ich habe viele meiner Träume erfüllt. Aber ich weiß auch ganz genau, dass da draußen auf jeden von uns jemand wartet! Und bis dahin mögen bitte alle den Platz räumen neben einem, der nicht zu ihnen gehört. Der nichts nachts unter das Kissen greift, um …. uns zu finden!