April 30, 2019. Tatort: Alster.

 

Da rausche ich nun, auf dem Cityroller meiner jüngsten Tochter, mit Wind im Haar und unterm Vintage-Kleid mit kitschigem Blümchengürtel über den Asphalt. Kurz vor ihm bin ich da und kann ihn doch schon wittern. Gefühlte 50 Sekunden später höre ich den Motor seines Chevy Pickups (1957).

 

Ein Tisch in der Sonne, mit Alsterbrise, wie für uns bestellt. Ich teile meinen Kaffeedurst mit ihm. Ihm - dem Günter Winter, alias 'Mister Frost' (so getauft von einem ehem. Schrauber). Einst Urgestein in der Versicherungsbranche, auch DJ. Bartmodel und Aushängeschild von Werbekampagnen. Neo-Rockabilly, ehem. Gründer eines Bart-Clubs und Founder eines Motorclubs in Texas – mit sozialem Background. Fan der US-CAR-Szene. Westfale, aber zugezogener Hamburger. Geboren am 23. Oktober 1967, Sternzeichen Waage. Vater einer Tochter (24). Wohnhaft in: Rosengarten.

 

Als erstes klopfe ich natürlich sein Beziehungskonto ab. Eins, das sich gewaschen hat und mich ins Schwitzen bringt. 23 Jahre Ehe! Dreiundzwanzig???? Mit DEM soll ich über Beziehungen sprechen.... allllllles klaaar! Schnappatmung.

„Das wird so nichts!“ lache ich, und er lacht zurück: „Veto! Ich hatte trotzdem ein wildes Leben!“

Er schaut auf meine Kladde und bittet mich, ruhig schonungslos alle Fragen zu stellen – falls ich mit schonungslosen Antworten umgehen könne. Ich lache noch mehr. Wir stecken uns 'ne Zigarette an.

 

„COPD!“ Wie bitte?

„Nur im Anfangsstadium!“ Wow, ich bin beruhigt!

Seine Lebenserwartung sei nicht hoch, liegt in der Familie. Wir ziehen eine Schleife durch frühe Tode... Vater, Schwester.... (Ob ich ihn knuddeln dürfte? Herr Gott, was springt mich son Gedanke von der Seite an. Conni, konzentriere dich auf deinen Job!)

 

Endlich setzt er seine Brille ab. Warme grau-blaue Augen. Ich kann mich kurz in ihnen spiegeln und überprüfe den Sitz meiner Haare oder das, was der aufsteigende Wind zurecht gepustet hat.

„Nun gut, Mister Frost. Kommen wir zum Thema!“

„Jep, Frau Köpp – ein DATE wolltest du ja nicht! Also.... wie geht es jetzt geschäftlich weiter?“

Ein Date.... äh.... oh, stimmt. Alles rein geschäftlich. Äh.... wie ist mein Konzept? Hab' ich überhaupt 'n roten Faden? Ich habe keinen. Ist ja alles noch ganz jungfräulich... diese Serie, mein Projekt. Ein Testlauf quasi. Ein Versuch.

 

2017 die Trennung von seiner Frau. Depressionen. Therapie. Wir steigen da am Rande zwar kurz ein, doch muss ich die Kurve auch zum Thema Frauen, Dates und Hoffnungen kriegen.

Ob einer wie er es leichter hat, weil er .... nun ja.... optisch so special und auffällig sei? - Wieder Veto! „Im Gegenteil!“, sagt er gleich. Man empfinde ihn oft als Rätsel und stemple ihn vorschnell als Selbstdarsteller ab, und dabei fände er es toll, angesprochen zu werden! Aber nun bewege er sich eben auch auf Plattformen wie Tinder, Finya (anfänglich auch FB-Singlegruppen, bis das Niveau im Keller war) & Co. Hier mangele es zumindest nicht am Mut, sich anzuschreiben. (Und dabei schreibe er nicht gern, wechsele lieber schnell zu Sprachnachrichten- er wolle Emotionen hören!)

 

Ob er Jäger oder .... Sammler sei?

“Ich will vor allem Mann und Gentleman sein! Will führend sein, mich aber gleichzeitig auch fallen lassen, loslassen können. Ich möchte eine Frau, die es genießt, wirklich Frau zu sein … und mich auch Mann sein lässt!“

Mmmmh, schönes Statement – bis er ausführt, gewisse Vorlieben zu haben, mit denen Frau erst mal mit klarkommen müsse. Ich hake gar nicht nach, ich ahne, was er meint. Oookayyyyyyyyyy!

 

Einen Frauentypus habe er nicht wirklich.... damals ja, als junger Spund, der sehr viel Wert auf Optik legte. Auf bestimmte Maße, eine top Figur. Heute geht sein Blick viel tiefer. Ausstrahlung bleibe oberste Prio, ihre Aura, in der er etwas Schönes wahrnehmen könne und „....das Lachen sowie Grübchen, die sich nicht verstecken lassen, die ich maaaagisch finde! Und wenn ich was in einer eher 'grauen Maus' erkenne, ist das ebenfalls perfekt! - Aber vor allem muss die Frau Lust auf mich als Menschen haben, nicht nur das 'Model' sehen.“

(Im Hintergrund knarrt grad ein heißer Ofen. Oh, und er liebe Frauen auf Maschinen!)

 

Wie wichtig sei der 1. Kuss, will ich natürlich wissen!

„ABSOLUT!“ Hier besteche die Chemie als Eintrittskarte! Und dabei habe er als junger Mann üüüberhaupt nicht gern geküsst, bis er.....von einer guten Freundin in die 'Geheimnnisse' eingeführt wird. Und danach....... nun ja.....

Hihi, dieses verschmitze Lächeln! Ich glaub, ich warte auf ein Augenzwinkern!

 

Ich unterstelle ihm 'ne hohe Form von Sensitivität, und er bestätigt das. Legt gar noch einen drauf und sagt, dass er in Augen seines Gegenübers oft noch mehr erkennen kann als derjenige selbst. (Zeit, meine Augen zu schließen! Besser is!)

Apropos Model. Bart-Model. Mein Blick wandert in die graue Fülle unter seinem Kinn. Da sind mehr Haare dran als bei der Nachbarin am Kopf. Ob es ‚ne Wachstumsgrenze gebe?

„Dem Bart fielen gerade 8 cm zum Opfer. Für einen Werbe-Auftrag, bei dem das Haar natürlich nicht das Logo auf dem Shirt bedecken durfte.“

 

Zurück......es sei der Reiz der heute vielen Möglichkeiten. Eine schnelle Zeit, in der die Menschen immer weniger gewillt, (sich / es) auszuhalten, durch dick & dünn zu gehen. (Sagt einer, der über 2 Jahrzehnte Ehe hinter sich hat.) Er betont, wie wichtig ihm offene Kommunikation, der Austausch über Gefühle und Wünsche seien. Gern schonungslos.

„Und natürlich Authentizität! Und ihre Bewegungen, ihre moves, ihre Fähigkeit, genießen zu können – gaaaaanz wichtig!!!!!!“

„Und in einer guten Beziehung gehören die Tiefen genau wie die Höhen zum Glück natürlich dazu! Und dass man sich gemeinsam immer wieder neu erfinden kann!“

Klingt schön. „Kennst du viele Paare, die das meistern? Die glücklich sind, weil es sie überhaupt nicht reizt, immer wieder mit jemand anderen neu anzufangen?“ Ja. Ein paar kenne er schon. Na, immerhin!

 

Für heutige Singles sei es einfach(er), mitunter (leider) sehr reizvoll geworden, sich am Markt zu bedienen und auf Portalen hin- und weg zu wischen, rumzublättern wie in online-Katalogen. Und doch lässt sich die Sehnsucht nicht stornieren, endlich und noch einmal 'anzukommen'.

„Und wenn ich mich entschieden habe, weiß ich genau, wo mein Arsch dann hingehört!“

Eine 2. Heirat schließe er nicht aus, spricht kurz vom schnellsten Antrag, den er einer Frau mal gemacht - nach gerade 4 Wochen Partnerschaft. Doch kurz darauf kam schon die Wende. Wenn auch nicht hier, so beherrsche er aber ganz gut, mit einer Frau auch nach 'ner Liason den Absprung ins Platonische zu schaffen.

 

Seine Hände.... ich frage ihn, wann die wohl Nadel & Farbe zum Opfer fallen?

„Bald! Ich bin noch längst nicht fertig!“

(Ich verschweige, dass ich tattowierte Hände mag. Tut hier ja nichts zur Sache.)

 

Frost bestellt die nächsten Getränke. Die Rechnung geht natürlich auch auf ihn. Tatsächlich ein Gentleman!

Zum Abschluss will ich wissen, wie er sich in 20 Jahren sieht.

„Ich sagte doch, ich werde nicht so alt!“ lächelt er leise.

„Morgen kann alles vorbei sein! Lebe jetzt und lebe wild! Aber Weste, Anzug, Bart.... das bleibt!"

 

WO MAN IHN ANTREFFEN KÖNNTE?

An der "Oldtimer-Tanke", Billhorner Brückenstraße, auf den Harley Days, auf US Car-Treffen, Rockabilly-Konzerten (Knust, Monkeys....).

 

So. Ende der Geschichte. Vorerst.

Ich mag den RockBart. Guter Typ. 

Toller Auftakt meiner spontanen Forschungsreise. Ganz schön aufregend und spannend zugleich.

Und was hab ich gelernt? Nicht wichtig. Oder doch... weiterhin auf meinen Bauch zu hören und dem guten Riecher bei meinen Projekten zu vertrauen. (Eigentlich hätte er auch gut in meine Portrait-Reihe gepasst. Danke für so viel Offenheit. Für das Vertrauen.)

Insta: mister_frost_