(22.11.19)

 

Intro: Da erwartete ich Einen, dem ich zuvor persönlich nie begegnet war. Für den ich nicht einmal zum Hörer griff. Von dem ich lediglich Fotos kannte, die.... mich derart in den Bann gezogen hatten. Und dann.... nach ca. 15 Sprachnachrichten hin- und her stand dieser Interview-Termin! 

Stopp! Ich hole doch ein wenig aus! In Wahrheit sprang mir sein Profil auf einen letzten Drücker auf einer Plattform entgegen, die ich gerade im Begriff war, wieder zu löschen. Ich gönnte mir die letzte Runde 'Blättern wie im Katalog', wusste ich doch von so vielen meiner Brautpaare, dass ein 'Klick zum Glück' hier möglich war.

Dann war er da..... der letzte Klick - in meinem Fall ein Superlike.

 

*

  

Da saß er also vor mir. Mit 3 Stunden Fahrt hinter sich, um pünktlich zum 2. Frühstück bei mir aufzulaufen.

Wenn eine Frau verlegen ist, dann redet sie kurz wirres Zeugs, muss schnell noch mal aufs Klo und hantelt planlos in der Küche rum.... zur Puls-Entschleunigung. Doch ohne Peilung. Und ohne Erfolg.

 

Wir fixieren einander und ich... stelle einfach meine ersten Fragen.

Unser Tagesprogramm wird aber nicht mit einem Interview enden.... wir haben schließlich noch was vor - wenn er schon mal in Hamburg ist! Ich hatte das Angebot eines Kumpels und Fotografen, mich mal wieder abzulichten, kurz erweitert um: "Ronny! Wie wäre es mit einem 'Doppel'?" (im Anhang gabs 'ne Ladung Tom'sche Bilder)

 

„Conni! Der ist gut! Gebt mir Magie and let it flow!“

„Ronny! Ich.... werde Tom bis zum Shooting gerade mal 5, 5 Stunden kennen!“

„Conni! Scheiß drauf! Ich will MAGIIIIIIE!“

 

Okay. Aber vorher ist jetzt. Und das heißt Interview / Portrait.

 

Thomas Kunz. *6.9.66, in Haltern (am See). Er wächst mit den Eltern und der großen Schwester auf. - Als ich nach seiner Kindheit frage, kommt nur das:

„Unser Vater verließ die Familie, als ich 6 war. Das Einzige, das ich erinnere: ein Aufschrei und der Bruch eines Spiegels. Der Rest ist ausgelöscht. Ganze sechs Jahre mit meinem Vater!“

Ab danach wird er nichts mehr vergessen. Nicht einmal, wie Schneeflocken riechen.

Der Respekt vor seiner Mama, die sich mit beiden Kindern - ohne Unterstützung - arbeitend durchs Leben schlägt, ist enorm. Die Mama - Kinderfrau bei einem prominenten Fußballer.

 

Tom erklärt, was Viele von uns denken, wenn sie als Erwachsene zurückblicken:

„Hätte ich nur meiner Mama mehr geholfen. Wäre ich nur damals 'einfacher' gewesen....“

Weiter schaut er nicht zurück. Und wenn, dann nur, um seine Lehren draus zu ziehen, aber nicht, um etwas zu bereuen. Er liebe das bewusste 'Hier und Jetzt'. Seine Vergangenheit könne ihn nicht mehr belasten. Heute nicht mehr! Doch bis dahin war es ein langer Weg.

 

Mit 18 wird er zum 1. Mal heiraten. Er sei da einfach 'reingerutscht'. Liebe war weniger der Treiber. Seine Frau, 2 Jahre älter als er, bringt eine schon 4jährige Tochter mit in die Ehe. Nach 2 Jahren kriselt es, doch da ist seine Frau bereits schwanger.

 

Er wird still. Ich spüre, dass da gleich was kommt, das ihn bewegt. Vielleicht sogar noch mehr als das. 

 

„Tom? Was immer es ist - wir lassen es weg....“

„Nein! Es war der größte Meilenstein meines Lebens und machte mich zu dem Menschen, der ich wurde. Der ich bin.“

Im Alter von 3 Jahren verstirbt seine Tochter.

*

Ab da macht er dicht. Zieht eine Mauer hoch. Das Bild vom kleinen Sarg – es frisst ihn auf.

Und doch wird er verdrängen, sich nicht mit Trauer, Tod und Abschied auseinandersetzen.

„Ich lebte wie in einem Bunker. Alles, was zählte, war der Selbstschutz!“

 

Nur einer lässt ihn nicht im Stich: sein Körper, der ihm deutliche Signale setzt. Permanente Krankschreibungen folgen – irgendwann ist es allein die Angst vor der Angst, erneut erkranken zu können.

Als nichts mehr geht, geht nur noch eins: der totale Zusammenbruch und das Erwachen in einer Klinik. 3 Monate wird er stationär behandelt. Und er macht mit, aber nur, weil man ihm sagt:

„Wir reißen deine Mauer nicht ein. Wir bauen aber eine Tür hinein, durch die wir gehen, um dahinter zu schauen.“

Damit habe er umgehen können. Endlich stellt er sich den Verlusten – vom Vater und der kleinen Tochter.

 

Wir machen eine Pause, um kurz zu verschnaufen. Ich koche uns 'ne heiße Schokolade mit ein bisschen Schuss. Ich hatte damit nicht gerechnet. Und er nicht damit, drüber reden zu wollen. Als er weitermacht, lege ich den Stift zur Seite. Und als ich ihm den 1. Satz aus einem meiner veröffentlichten Bücher verrate, bildet sich in seinen Augen glatt ein kleiner See:

'Wenn die Erde ein Kind verliert, gewinnt der Himmel einen Engel.' (Frannys Reise; Knaur)

 

Themenwechsel. Aufbruch zu den Frauen und der Liebe.

„Begegnungen? Viele! Aber keine Liebe! Ich wollte nicht mehr fühlen. Aus Angst vor einem weiteren Verlust. Verlust hieß zu viel Schmerz.“ (Da wusste er noch nicht, dass dieses Thema ihn noch einmal treffen sollte.)

 

Den Frauen in seinem Leben sei er grundsätzlich ehrlich begegnet.

„Sie wussten stets von Anbeginn, was drin ist und was nicht. Wer zu viel wollte, wurde ausgebremst.“ - Eifersucht kenne er nicht. Und reizen würde ihn längst, endlich mal Jäger zu sein, statt umgekehrt immer erobert werden zu wollen.

Und dann..... kam seine 2. Frau. Sie heiraten, kaufen ein Haus, bekommen 2 Töchter und halten 14 Jahre am Familienleben fest.

Werde ich ihn doch noch mal von LIEBE sprechen hören? Ja - doch mehr im Zusammenhang mit seinen Kindern. - Als die Ehe am Ende ist, geht er fort und lässt alles zurück. Bloß kein Rosenkrieg – zuliebe seiner beiden Kinder.

„Ein Mann muss ehrenhaft gehen - die Verantwortung nimmt er immer mit!“

 

Nach der Ehe ist vor der nächsten Beziehung. Er lässt sich auf eine Internetbekanntschaft ein – für ganze 4 Jahre.

 

Ob er ein Beuteschema habe – und ob er ein 3. Mal an eine Ehe glauben könne?

„Es gibt nicht DEN bestimmten Frauentyp. Ich bin vernarrt in Stimmen – und in Augen. Punkt.“ Er lacht: „Und natürlich MUSS das Küssen stimmen, bei dem es Funken sprühen soll. DAS ist alles nicht verhandelbar! Keine Kompromisse! - Heiraten???? Sagen wir so: Ich glaube noch..... an die ganz große Geschichte!“

Er plaudert auf Nachfragen ein paar Beispiele von Begegnungen aus, die ziemlich rasant wieder endeten, weil er die Frauen einfach nicht sprechen leiden konnte.

 

Ich bemerkte, wie meine Stimme sich um Nu veränderte. Ich meine Fragen weicher – fast schon sinnlich - hauchte, als säße ich noch immer in einer Sprecherkabine von Beate Uhse in den 90er Jahren...

 

„Tom! Ich habe die Reihenfolge missachtet. WAS machst du, wenn du nicht modelst?“

 

18 Jahre war er 'unter Tage'. 2 Jahre Buchbinder. Er lässt sich zum Schwimmmeister umschulen. Geht sogar zur Müllabfuhr („Meine geilste Zeit – sogar mit Top Verdienst!“), bevor er Fachangestellter für Bäderbetriebe wird.

„Ich will eigenverantwortlich arbeiten, um keinem Menschen mehr 'Danke' sagen zu MÜSSEN. Ich will mein eigener Herr sein!“

 

Ich schaue auf die Uhr. Die Zeiger drehen ihre Runden in einem Tempo, dem wir kaum folgen können. In 1 Stunde würde unser Shooting beginnen! Bis dahin will ich alles im Kasten haben, weil ich genau weiß, dass ich nach einer Ronny-Session unmöglich zurück in den Interview-Modus finden würde. Also:

 

Tom (Thomas) Kunz. Model seit 6 Monaten. Und er genießt ("...bitte nur ästhetische Fotos! Mehr Kunst als Kitsch!"), solange er Spaß dabei hat. Er, der sich nie sah, wie andere ihn sahen; dem man ein Selbstbewusstsein andichtete, das der Realität nicht sehr nahe komme.

 

Er, der noch vor 1 Jahr nicht einmal Facebook kannte. (Und heute hat er zig zig Follower!)

„Ich bin ein Kind vom Dorf! Im Grunde sogar ein Kulturbanause!“

Er verrät mir noch seine Legasthenie und grinst: „Das Gute daran ist: ich merke meine Fehler nicht!“

Ich schlage ihm vor, ihm zu helfen, wenn er mich braucht. Ich, die doch die Sprache so liebt. Und erst recht Theater- und Opernbesuche.

„Conni! Die Anzüge für solche Sachen hätte ich!“

Deal! Eines Tages entstaube ich meine schönsten Kleider und setze mich mit ihm in einen Saal. Vielleicht sogar in Reihe 1.

„Lets play 'Conny & Clyde'“ lache ich.

„Deal!“ Sagt er verschmitzt.

 

Das Kind vorm Dorf. Es lebt als Mann seit Jahren in einem Holzhaus. Ohne W-Lan. Seit Kurzem immerhin mit einem Fernseher.

„Conni! Um das Haus herum herrscht absolute Ödnis. Es gibt nicht eine einzige Laterne. Und im Winter ...gespenstische Dunkelheit!“ (das Großstadtkind muss ganz kurz schlucken!!!) 

Er sei schon immer ein Outdoor-Mensch gewesen. Er liebt den Ski-Urlaub, das Radeln und heiße Öfen. Früher hat er mal geboxt. („Ich werde meine Frau und meine Kinder immer verteidigen können!“) Wehmütig spricht er von seinem Bulli, den es leider nicht mehr gibt.

Sagte er 'gespenstische Dunkelheit'? Vor meinem inneren Auge fliegen Felle und ein Kamin vorbei. Ein Ausdruck von Romanik in seiner höchsten (nunja) Form.

„Kaminverbot, leider! Schon ein einziger Funke, der überspringt, könnte einen Flächenbrand verursachen!“

 

Zuguterletzt ein Blick gen Zukunft gerichtet. Tom in ungefähr 10, 20 Jahren.

„Ich will nicht zuuu alt werden. Hab' Schiss davor, ein Pflegefall zu sein. Und wenn mich sonst die Angst vor etwas reizte, um es endlich doch zu tun - in diesem Falle ist die Angst 'ne andere. -  Ich möchte noch mal 'ankommen', mit meiner Frau ganz gern im Süden leben. Ich würde keine Autos sammeln, mich würde es erfüllen, mit dem Moped zum Markt zu fahren, Leckereien zu kaufen und zuhause erwartet zu werden. Ich glaube.....“ Dann holt er kurz tief Luft.

„Ich glaube, ich habe niemals so richtig, wahrhaftig tief geliebt. Klar, ich habe geliebt, aber die höchste Spitze des Berges dabei sicherlich noch nicht erklommen. Trotzdem glaube ich daran, dass da noch mehr sein muss / wird! Und an absolutes Vertrauen. An diese innere Zufriedenheit und Hingabe.... sogar im Alter noch. Doch bitte ohne finanzielle Sorgen!“

 

Er lächelt...und ich? Bin kurz vernarrt in ihn und träume mich durch das Azur seiner Augen. Ich höre ihn auch gern, diesen NRW-Slang; seine starke, feste Stimme. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir nicht im Geringsten, was uns noch alles bevorsteht.

„Und ich werde immer ein Denker sein. Über das Leben und seinen Sinn sinnieren. - Und ich glaube nicht an Zufälle! Vielleicht der Grund, warum ich schon lange so entspannt bleiben kann?! Es liegt in allem doch ein Sinn. Bis auf … Gott – der nicht verhinderte, dass ich mein kleines Mädchen verlor.“

 

Als wir meine Kleidung fürs Shooting zusammen packen, will ich wissen, ob er als Schwimmmeister schon Menschen hat ertrinken sehen. - JA! Er spricht von vielen Kindern, die er in letzter Minute noch retten konnte. Rund 40 Menschen waren es im Ganzen. Und auch, wenn er 'nur' seinen Job gemacht hat.... diese Momente danach... der Rückzug ins Büro, mit sich allein und dem Versuch, zu verstehen, was HIER gerade abgegangen war!

 

Ich kürze dieses Interview nun ab. Es fällt mir erstmals schwer, die Foto-Session, die wir bei Ronny später erlebten, in Worte zu kleiden. Ich weiß nur eines: dass wir Ronny mit dem Wunsch nach MAGIE nicht enttäuscht haben.

 

Fazit:

24 Stunden mit einem Menschen zu verbringen, dem man zuvor noch nie begegnet war... das kann auch in die Hose gehen. Ging es aber nicht! Da war dieses vertraute anziehende Gefühl, das kaum in Worte zu kleiden ist. Es hatte etwas Pures, Authentisches und Wertschätzendes. Etwas kaum Begreifliches. Und irgendwie steht unter dieser Story auch nicht dieses kleine Wörtchen „ENDE“.

 

DANKE! Für die Achterbahnfahrten. Für so viel Lachen. Für höchste Dosen an (zuvor gedacht (Un-)Möglichem! Für den Döner um 3 Uhr morgens, das Radeln durch die Dunkelheit, dem dies..... und dem das....!

 

P.S. Heute morgen muss ich grinsen, als ich eine Nachrichte kriege:

"Magst du eigentlich den Süden?"

 

Tom / Insta: tk_tom

Ronny: wieglas.de