100319

 

12h15. Vor mir liegen 113 Kilometer.

Genügend Zeit. Nur mit mir. Und vor der Linse meine letzten Monate – ein Kurzfilm, Oscarverdächtig, wenn.... er nicht so traurig wäre. Kategorie Drama.

Mein kleiner Flitzer huscht übern Asphalt wie n Spielzeugauto über ne Carrerabahn. Der Regen peitscht gegen die Scheiben, ich dreh das Fenster runter, brauch ne Dusche im Gesicht.

 

13h50. Nase neu pudern, Augen frisch tuschen. Gleich bin ich da. Oder hier, im Diesseits, im Jenseits, wer weiß das schon....ich habe keinen Clou, was mich erwarten wird. Ich hab nur meine Heilpraktikerin (Anne) im Kopf:

„Conni! Geh da hin! Du wirst sie lieben! Schreib sie an, das tut dir gut!“ 

Der, der mich kennt, der weiß, was alles hinter mir liegt. Und wer mich gut kennt, hat mich gut begleitet.

Und sowieso weiß jeder um mich rum, wie glücklich mich Empfehlungen machen (von Menschen, die ich richtig mag und schätze). 

 

Die Tür geht auf. Ich dachte an eine kleine (!) Grande Dame, dessen Stirn dort endet, wo meine Brüste beginnen, doch.... weit gefehlt! Ich lache schon, bevor wir uns richtig begrüßen können. Ich muss sie sofort drücken – diese Grande Dame von 1,76m – und 86 Jahren auf dem Buckel, ohne dass sie einen hat. Ihre Füße stecken in peppigen rosa Crocks. 

Ich breite erst mal meine Nervennahrung für uns aus: Croissants, kleine Tartes aus dem Glas und zwei mal Trinkschokolade aus der Tüte.

Wir nehmen in der Küche Platz. Vor ihr ein Stapel Papier XXL, mit Löchern an der Seite – zuletzt gesehen, als ich solche in einen Drucker schieben musste. In den 90ern. Daneben 10 Stifte. - Nein, ich kriege keine Angst. Ich bin die Ruhe in Person. Nur meine Haare stehen mir zu Berge.

Kurz schneiden wir mal ihre Vita an. Geboren am 29.1.1933, Wassermann. 3 Kinder, 6 Enkel, 1 Hund. Witwe. Ihr Mann – mit 50 an Hepatitis verstorben. 4 Wochen vorher erst ihre Mama. Es folgen ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, eine Schulung bei einem Heiler, für den sie 10 Jahre arbeiten wird. Sie wird zum „Channeln“ kommen wie das Kind zum Brunnen. Sie hat erlebt, dass es viel mehr gibt als das HIER! Dann spricht sie mir von vielen spannenden Hinweisen. Beweisen. Schrägen Situationen.

 

Sie schreibt sich ein paar Namen von mir auf, erhebt sich und holt mir noch ein Deckchen, damit ich es gemütlich habe.

„Leg doch die Füße hoch, machs dir bequem, da musst du jetzt durch!“ Noch ahne ich nicht, was sie damit meint. 

Und schwups ist sie schon abgetaucht. Ist irgendwo, nur nicht mehr hier bei mir. Ich schließe meine Augen und versuche einen Wechsel zwischen Konzentration und Meditation. Dann zähle ich sogar die Sterne auf der Decke, die meine Schenkel so schön wärmt.

 

Und sie.... sie schreibt. Und schreibt. Sonst ist es leise in der Küche. Aber ihr Schreiben – es erinnert mich an einen Tintenstrahldrucker, nur nicht so laut. Kurz beobachte ich sie, wie sie nicht 1 (!) Pause macht, den Stift nicht ruhen lässt, weil alles fließt, sie tief versunken wirkt in ihrer „Welt“. Sie tut mir leid, ich möchte sagen: „Trink mal was! Ruh' dein Gelenk mal aus!“ Ich kann es nicht. Ich trau' mich nicht einmal, nach meinem Wasserglas zu greifen. Ich erstarre. Und sie.... schreibt. Und schreibt. Und schreibt.

 

Später weiß ich, dass sie ca. 1 Stunde lang geschrieben hat. Die Blätter unter meinen Füßen stapeln sich. Ich tippe so auf 15 Meter.

Dann ist es vorbei. Ihr Kopf fällt schwer auf ihren Block.

„Boah! Ich muss mich erst mal wieder erden!“

Ich auch. Und dabei war ich gar nicht weg.

 

Sie schaltet den Rekorder ein, und ich... ich möchte sie ein bisschen dabei filmen, wenn sie mir das Gesamtkunstwerk von vorn bis hinten übersetzt. - Sie liest. Und liest.... auf einmal kommt da diese Stelle, ich erkenne gleich: DAS ist für mich besonders hart! Ich weiß genau, um wen es geht. Wer mir was sagen will. Schon nach dem 3. Satz, da tropfen mir die Tränen von der Wange. Ich denke nur: „Ich wusste es!“ Ich freue mich, und doch zerfetzt es mir mein Herz!!!

 

„Ich danke dir!“ Sag ich – und wische mir die Trauer vom Gesicht.

„Ich kenne deinen Schmerz!“ sagt sie. Dann machen wir 'ne Selfie-Serie und gehen nach knapp 2,5 Stunden mit einer liebevollen Umarmung wieder auseinander. In der Tür noch sagt sie mir:

„Gerade war ein Kunde hier... ich habe nie im Leben einen Mann so weinen sehen.“

 

Eine Stunde später kriege ich 'ne Nachricht: „Es war sooo schön mit dir, Conni!“

Hä? Ich wollte ihr doch grad das Gleiche schreiben! (Und denke immer noch ein bisschen weiter an den Mann. Es muss befreiend sein, wenn Angestautes endlich endlich weichen darf!)

 

Seit Oktober 2018, seit jenem nicht greifbaren Schicksalsschlag, klebe ich voller Faszination in der Materie. Ich lese viel, ich sehe viel, ich tausche mich viel aus. Und ich bin sicher: wenn auch ich dann eines Tags gestorben bin, bin ich auf keinen Fall tot. Und ich werde versuchen, meinen Nachkommen das zu beweisen. Doch vorher öffne ich sie für den ..... Glauben ..... daran!

 

Ursula Bechler. Eine tolle Frau. So voller Leben. Und voller Vertrauen in ihre Entwicklung.

u.bechler@nord-com.net 

Bremen

 

Channeling: Ein Medium fungiert als "Kanal", um Botschaften aus dem Jenseits zu übermitteln.