Um 14h in einem kleinen Café am Mittelweg über Orgasmen zu sprechen, statt sich mit Freunden zu einem Süppchen zu treffen, ist selbst für mich zunächst befremdlich. Doch ich musste dem Tipp einer Bekannten nachgehen, die mir von einer ungewöhnlichen Dienstleistung in meiner Gegend berichtete. So treffe ich mein Gegenüber, den Deutsch-Franzosen Axel Jack Metayer, 38, 1 Sohn, seit einem Jahr OM-Coach. Er holte nach einer 10-monatigen Ausbildung Orgasmic Meditation (OM) nach Hamburg.

 
In meinem Köppfchen stöhnt das Hirn OhMyGod, weil ich Gesichtsröte in mir aufsteigen fühle. Gleich geht' s in die Tiefe: „Orgasmic Meditation“ (OM). Wo der Markt bis gestern noch den Hauch einer Verklemmtheit verspürte, heute gibt es keine Grenzen mehr, alles offen – und ich besonders Ohr - als Neugierige, als Mensch, erst recht als Frau.

 

Die amerikanische Orgasmus-Trainerin („Sex-Coach“) Nicole Daedone hatte eine Mission, also auf zu OM!
Hinter OM verbergen sich weder Mantras noch Spiritualität, weder Tantra noch bestimmte Atemtechniken. Es geht um „Elektrizität“, um Spannung, um das Genießen und Halten einer sinnlichen Entspannung.
Gebaut wird zunächst ein sogenanntes „Nest“ (Decke, Kissen). Zeit: 15 Minuten (Timer). Werkzeug: Handschuhe und eine spezielle Gleitcreme. Die meisten Frauen wissen, wie sie unten herum aussehen, aber aus der Sicht des Mannes sich zu "sehen", ist etwas anderes. Der Mann bleibt bekleidet, während die Frau unten herum alle Masken fallen lässt. Sie öffnet und weitet sich dem Mann wie ein Schmetterling seine Flügel, bleibt jedoch dabei mit einem Bein in seinem Schoß verhakt. 

 

Während der 15 Minuten ist der Dialog ein entscheidendes Ritual als Kommunikationsform. Er fragt, Sie reagiert. Und sie dirigiert, wodurch sie lernt, Ihre Wünsche zu artikulieren und diese auch zu verinnerlichen. Ziel: die innige Verbindung zwischen zwei Menschen, ohne den Orgasmus anzustreben - er kann entstehen, muss aber nicht (passiert auch nicht, solange der Kopf nicht ausgeschaltet ist). Es gibt kein sexuelles Wechselspiel zwischen den Partnern. Auch Männer erfahren sich besser und vertiefen ihre Kenntnisse über die weibliche Anatomie, "...was dringend nötig ist!" Frauen  aber lernen, sich zu öffnen (Kopf aus!), sich anzunehmen, und vor allem: keine Gegenleistung erbringen zu müssen!

 

Orgasmic Meditation gibt Frauen das Vertrauen in Männer zurück”

 

Axel Jack Metayer

 

Wie fühlt "es" sich an, welches Farbspiel resultiert aus den Gefühlen, die aufgebaut werden, was spürt der Mann, was nimmt er wahr, während er berühren und betrachten darf wie selten zuvor. Nicole Daedones Technik hat seinen Ursprung in San Francisco. Vor 8 Jahren erfährt sie von einer besonderen, bis dato ihr völlig unbekannten Streicheltechnik. Auseinandersetzungen mit dem Buddhismus, Philosophien und Wissenschaften folgen, gewonnene Erkenntnisse sollen die Technik verfeinern. Eine Technik, die sie unbedingt der breiten Masse zugänglich machen will.
Zurück nach Hamburg: Metayer stellt fest: „Deutsche Männer flirten nicht. Zurück bleiben frustrierte Frauen, weil sie kaum noch angesprochen werden, neben enttäuschten Männern, die keinen Zugang mehr finden zu einer Verbindung, nach der es sie dürstet.”

 

Doch es gibt Wünsche und Sehnsüchte, die geäußert oder und endlich einmal entdeckt werden wollen. Der Franzose, der 15 Jahre in der IT-Branche Erfolge feierte und Gründer eines erfolgreichen Internetportals (KFZ.net) ist, hatte seinen Wendepunkt nach der Lektüre „der 4-Stunden Körper“ (Timothy Ferris), in dem es um minimalen Input (Zeit) und maximalen output (Ergebnisse) geht.

 

Metayer selbst hat das schnelle Geld erlebt, den schnellen Gewinn, doch auch den faulen Nachgeschmack, der blieb: das fast zwangsläufige Entfernen von sich selbst. Als Coach will er den Menschen zeigen, wie sie nicht weiter von sich weg sondern endlich zu sich hin kommen. “Es erfreut zu sehen, wie Menschen aufblühen, haben sie OM für sich entdeckt.” Es sei ihm ein Bedürfnis, auf leichte und spielerische Art ein neues Erwachen zu erschaffen. Seine Ziele sind nicht neu, die Technik allerdings: mehr Leichtigkeit, Glück, Leidenschaft und Selbstbewusstsein. Seine Workshops gestaltet er lebendig und unterhaltsam – in Hamburg und Berlin.

 

Ich frage ihn nach seinen ersten praktischen Erfahrungen (Berührungen) aus, nach seiner Sicht als Mann, und ob er den vom „Trainer“ trennen könne. Ich erfahre, das Stimulation nicht ausgeblendet werden kann, auch er darf 15 Minuten mit-genießen, denn allein die Beobachtung der Frau lasse natürlich nicht kalt. Doch ist er Coach, kann er nicht gleichzeitig ein Teilnehmer sein (und umgekehrt).

"Sexualität" beschreibt die Sache nicht – es ist dieses Anhalten der Lust- und Erregungskurve. Das Nonplusultra: durch OM geschehen gewisse Heilungsprozesse, die dazu beitragen, Entscheidendes zu erlernen: Wünsche konkret zu äußern und anzunehmen, bezogen auf alle Lebensbereiche!

 

Befragt Metayer nach seinen Sitzungen die Paare, kochen noch die Wellen der Emotionalität und Nähe, weil die Verbindung zueinander eine völlig neue Tiefe erfährt.
„Ziehe ich als Single dann die Arschkarte?“ tönt es aus mir raus. Nein! Viele Singles jeden Alters und aus jeder sozialen Schicht kämen in regelmäßigen Abständen zu ihm. Die Schritte für ein OM sind klar definiert, um auch mit jemand zu meditieren, mit dem man in keiner intimen oder sexuellen Beziehung stehe. Metayer hat sich zum Ziel gesetzt, in Hamburg eine eigene Community von mindestens 300 Teilnehmern, die regelmäßig OM praktizieren. Eigentlich klingt alles toll und einfach, eigentlich! 15 Minuten am Tag sich vollkommen zu spüren, seinen Körper so zu mögen wie er ist, vollkommen bei sich zu sein, sich zu erfahren und sich zu empfinden, Druck abzubauen und sich heilen zu können – das kann kein Trend sein, das ist mehr - die Suche, die Reise in sich selbst! „Vieles aus der Tiefe, was lange im Verborgenen schlummerte, kommt durch OM an die Oberfläche!“ erklärt mir Metayer, und beinahe klingt es wie ein Mantra. Oder ein Versprechen?
Als ich gehe, habe ich Hunger. Nach was genau, ist mir nicht klar, nur Suppe ist es nicht. Das kleine Interview hat kleine Spuren hinterlassen. Zuhause streife ich durchs  virtuelle Netz und habe sofort einen Fisch am Haken:
Nachtrag: heute (5.3.16), knapp 1 Jahr nach unserer Begegnung, fasste ich mir ein Herz und sagte einer Kurseinladung zu. Was ich erlebte, war so ungeheuerlich bedeutend, außergewöhnlich, sinnlich und besonders... ich errötete, ich fühlte, ich lernte - mein besonderer Dank gilt der Live-Demonstration einer OM vor einem Publikum von 20 Teilnehmern.