(Mein Foto dient als Platzhalter für jene Frau, die ich hier schützen muss. Ich entschied mich für dieses Motiv, weil Eindruck und Ausdruck einander sehr ähneln.)

 

Als wir telefonieren, weiß ich bereits, dass sie

gesessen hat. 5 Jahre geschlossener und 5 Jahre offener Vollzug.

Ich frage sie, ob sie mir sagen kann, warum. „Vielleicht.“

Ich schickte ihr meine Interviews, damit sie ein Gefühl für mich bekommt. Für eine, die schreibt – genau wie sie selbst.

Am 11.10.16 empfange ich sie. Nicht in einem Restaurant, direkt bei mir. An einem Tisch, an dem ich mit den Töchtern esse und spiele.

Ich habe keine Angst. Ich habe sie

gehört, ein Bild dazu hat mir von ihr gereicht. 

 

Ich fülle Kaffee in zwei Gläser und serviere uns warmen Kuchen. „Wirst du es mir sagen?“ Sie senkt den Blick und schweigt. Dann flüstert sie:  „Du schmeißt mich raus, wenn ich es tue, und ich kann es verstehen."  „Nein. Du wärest nicht gekommen, wenn du nicht ahntest, dass du es mir sagen kannst.“ „Stimmt wahrscheinlich. Ich...

 

...ich habe … es gab einen erweiterten Suizidversuch, bei dem ich....“ Sie schluckt. „Ich habe meine Tochter getötet.“ Totenstille. So still, dass ich den Furz einer Ameise hören könnte.

 

„Ich ahnte etwas in der Richtung. 5 Jahre Geschlossener steht nicht für Scheckbetrug.“ Ich schalte mein Mutterherz aus und öffne das der Frau, des Menschen und der Journalistin. Jetzt will ich die ganze Geschichte, auch wenn ich bei jeder ihrer Silbe spüre, wie sie zu kämpfen hat. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass es ihr gut tut, mit mir zu reden. Ja, ich wünsche einer etwas, die ihr Kind getötet hat.

 

Sie. Der Name ist nicht wichtig. Einzelkind, Vater Offizier. Sie führt ein bürgerliches Leben. Bis... „Mein Vater hat mich sehr geliebt. ZU SEHR!“ Noch lächle ich, weil ich nicht gleich kapiere, warum sie das betonen muss. Dann ist es raus. „Ich wurde sexuell missbraucht. Bis zum Äußersten.“

Scheiße. Und verdammt, doch es schockt mich nicht mehr, weil ich es oft in meinem Leben schon gehört. 

 

„Unterschwellig war da dieses komische Gefühl, aber du hoffst auch, dass es nicht falsch sein kann. Du weißt doch nicht, dass das, was deine Eltern tun, nicht richtig ist. Woher denn auch....ich war acht Jahre alt, als er es tat." Ob ihre Mutter etwas ahnte, könne sie nicht sagen. Das eine sei, was Mütter wissen, das andere, was sie nicht sehen wollen.

 

Irgendwann kaufen sich die Eltern ein Haus und sie bezieht darin die Anliegerwohnung. Nach dem Abi folgt ein Studium. Sie zieht es durch, obwohl sie längst schon weiß, dass diese Wahl die falsche war. Sie geht ein zweites Mal zur Uni, um etwas anderes zu studieren. 

Den Vater ihrer Tochter lernt sie früh kennen; es folgen Heirat und die Tochter. Ihr Mann,  das Gegenteil ihres Vaters, ist der leise Versuch, beim Vater ein Zeichen zu setzen. Sich dem permanenten Streben nach seiner Gunst zu widersetzen, sich endlich aus den Fesseln zu lösen, ihm noch immer gefallen zu wollen. „Ich konnte meinem Mann (Anm: Hauptschüler) den gewünschten sozialen Status nicht verschaffen, aber in erster Linie ging es ja um mein Motiv: die Revolte gegen meinen Vater, der an meiner Seite gerne einen völlig anderen gesehen hätte."

 

Ihr Verhältnis zur Tochter ist besonders eng, und als die Ehe endet, empfindet sie den neuen Status „allein erziehend“ nicht annähernd als Bürde. Der Ex-Mann schaut fast jeden Tag vorbei, doch mehr als „Spielkamerad“ kann er nicht sein, denn Verantwortung liegt eher nicht in seiner Natur. Sie träumt von einem eigenen Geschäft und macht sich schnell an die Umsetzung. Doch es mangelt am Fachwissen, und allein der Gefallen am Thema reicht nicht für Erfolg. Die Pleite scheint bald absehbar, und diese enorme Belastung des Scheiterns führt direkt in die Ausweglosigkeit - am Ende alles nur die Spitze des Eisbergs, die ausreicht, dass alle Lebenslust entweicht. Sie ist so leer und alles dreht sich nur darum, dem Leben zu entkommen. Sie spielt Szenarien durch, wohin mit der geliebten Tochter, doch kommt dabei auf keinen grünen Zweig.

 

Und dann ist der da, dieser Tunnelblick, den sie tatsächlich niemand anvertraut, weil ihr der einzige Weg (der Hoffnungslosigkeit) den Ausgang versperrt. Der Druck ist endlich weg, die Würfel sind gefallen. Und die Tochter? Ohne einen Platz voller Wärme, Liebe und Geborgenheit für sie, bleibt nur die Lösung im erweiterten Suizid. Ihre Tochter ist gerade in der Pubertät.

Wir schreiben ein Jahr in den 90ern, das neue Jahrtausend nähert sich, genauso wie IHR Ende, und das des Mädchens im Nebenraum, das sie so liebt wie nichts anderes. Die Tochter schläft, sie selbst schon lange nicht mehr, rennt wach durch diesen Tunnel, abgeschirmt von möglichen Alternativen. Kein rechts, kein links, kein Notausgang. Verloren und gefangen. Der Wunsch, das Leben zu beenden, ist alles, was sie sehen kann und will. Sie geht ins Zimmer ihrer Tochter, die Hand wie eine Faust ums Messer. Gleich sticht sie zu. 

 

Danach geht sie ins Schlafzimmer, spürt bereits ihren Kopf in der Schlinge. Doch als der drin hängt, reißt der Strick. Und dann geht alles schnell. Wie von Sinnen und im Ausnahmezustand wählt sie 110. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie nicht einmal, ob ihre Tochter wirklich tot ist. Sie ist weder besoffen, noch hört sie fremde Stimmen im Kopf. Und trotzdem hat sie sich gerade für immer verloren, nein, sie hat alles verloren. Bis auf das Atmen. Im Gegensatz zu ihrer Tochter. Und dabei wollte sie nie überleben.

Als man sie abführt, bekommt sie die volle Dröhnung an Medikamenten. Drei Wochen Psychiatrie, gut bewacht, dann kommt sie in die Zelle, ihr neues „Zuhause“. Im ersten Gerichtsverfahren hatte man zwölf Jahre verlangt, doch ihr Anwalt geht in Revison und schafft die Minderung auf zehn. 

„Mir war alles egal, und alles war recht. Ich hatte nichts gesagt. Es gab ja nichts zu sagen. Ich war

eine Mörderin. Oder eine Totschlägerin. Die Presse hatte das Gerichtsgebäude belagert, und ich konnte mich nicht einmal des genauen Tathergangs erinnern. Meine Erinnerungen weisen Löcher (von den Medikamten) auf. Manchmal denke ich, zum Glück!“

 

Ich nippe an meinem Kaffee und wende meinen Blick nicht von ihr ab. Sie, die so weich spricht, so angenehm, die sich ganz souverän von mir ein paar Mal unterbrechen lässt. Wie weit hätte

ich fragen können... wollte ich tatsächlich wissen, ob das Blut im Kinderzimmer und der Anblick der Tochter sie nachts in ihren Träumen besucht? Wollte ich wissen, was sie als erstes gedacht, als die Polizei sie aus der Wohnung getragen? Ja! Und doch bohre ich nicht weiter, auch wenn die

Fragen in meinem Kopf längst Schlange stehen. Ich hatte es geahnt, ganz intuitiv hatte ich mich gefragt, was wäre wenn.... sie ein Kind getötet... - Ich hätte trotzdem dieses Treffen weder

abgesagt noch hätte ich sie später rausgeworfen.

 

Sie sieht nicht aus wie eine, der ich derlei Brutalität zugetraut. Doch wie sieht jemand aus, dem so was anzusehen oder zuzutrauen ist? Wer so was tut, der ist im Ausnahmezustand. Sie trägt ihr Stigma, solange sie lebt. Doch wäre nicht ICH ihr begegnet, wäre es jemand anders, der den Menschen hinter seiner Tat be-schreiben wollte.

„Ich spüre meine Tochter jeden Tag in mir. Es gibt kein Verzeihen, es gibt nur ein Lernen, mit den Wellen des Schmerzes zu leben.“

 

Ihr Leben im Knast bringt die Wende. Sie beginnt – wie viele andere auch – zu schreiben. Mit Tagebucheinträgen fängt es an, der Druck im Kopf muss raus. Einge malen auch, doch sie braucht

weder einen Pinsel noch Farbe. Papier und Stifte sind immer da. Rund 20 inhaftierte Frauen sind um sie herum. Gewalt in jeglicher Form habe sie in all den Jahren nicht erlebt. "Fernsehen ist anders!"

Wie sehr sich die Frau hinter Gittern verändert und unterschieden habe zu jener Frau „davor“, will ich wissen. "Als graues Mäuschen ging ich rein. Als eine, die immer gefallen wollte, das aber nie wirklich geschafft hat." Eine, dessen Fokus die permanente Anerkennung vom Vater war, die stets vergeblich war. Dem Vater war die größte Leistung noch nicht gut genug. „Und als ich rauskam, war ich endlich ICH! Gelernt hatte ich vor allem, dass das Äußere eines Menschen uns täuschen, falsch werten lässt und in die Irre führen kann."

 

Während des geschlossenen Vollzugs bereitet sie Wege vor, die sie im offenen Vollzug dann gehen kann. Sie leiert Praktikumsstellen an und nimmt Kontakt zu Journalistenschulen auf. Mittlerweile ist sie Redakteurin des Frauenknast-Magazins, ihr Verdienst landet auf einem Extrakonto. Als sie in den Offenen wechselt, beschafft sie sich eine eigene Wohnung und hat sogar Ziele: Bücher schreiben über und Texte von Menschen, die keine Stimme mehr haben. Sie will fortan ihr Sprachrohr sein.

 

Als sie nach 10 Jahren auf freiem Fuß ist, hat sie eine feste Basis. Sie hat ein Zuhause, („Wie

befremdlich anfangs offene Zimmertüren waren!“), verlässt noch nicht einmal die Stadt („Ich wollte nicht weglaufen!“), ist freie Journalistin und bald polit. Pressesprecherin einer Abgeordneten. Als die Ideale der Partei nicht mehr ihre sind, schmeißt sie hin.Heute lebt sie von Arbeitslosengeld, ihren Büchern und Textaufträgen. „Wenn ich schon leben soll, dann will ich endlich Sinnvolles tun.“

Wird sie dem Vater ihrer Tochter jemals wieder begegnen? Und was war mit den damaligen Freunden und ihren Eltern? „Mein Exmann hatte Flugblätter in der Stadt verteilen lassen, wie

eine wie ich hier noch leben könne. Ich wäre ja bereit für einen Dialog, doch niemals unbegleitet. Meinen Vater habe ich nach meiner Tat nie mehr gesehen, meine Mutter verstarb, und bis auf zwei Freunde sind mir keine geblieben. Ich habe alles wieder ganz neu aufgebaut.“

 

Sprechen über ihre Tat kommt äußerst selten vor; nach außen, denn die inneren Monologe bleiben, und mit ihnen die Zerrissenheit, der Schmerz und die Anklage. Als sie aus der Tür ist, sind da intensive Bilder und Gefühle. Ich stelle mir die Tat vor, immer und immer wieder. Und gleichzeitig fühle ich mit einer Frau, die jeden Tag erneut verfolgt wird, von jenem entscheidenden Augenblick, in der die Ohnmacht über die Hoffnung siegte; in dem sie sich das Leben aus den Armen riss, und ebenso das ihres Kindes verstieß. Erstach. Nein, Atmen heißt nicht automatisch Leben.

 

Sie zuckt zusammen, wenn sie Kinder sieht und kann sich eine Partnerschaft nur schwer mit jemand vorstellen, der seinen Nachwuchs um sich schart. „Dieser Prozess ist noch im

Gange.“

Vielleicht auch wird er niemals enden. Ihr denkt, sie ist frei, weil sie entlassen ist? Nein. Das wird sie nie sein.

P.S.  Ich werde sie trotzdem wiedersehen, denn es gibt etwas, das wir füreinander tun könnten. Trotz allem, oder vielleicht auch gerade wegen....

 

Ihre Antwort auf dieses Portrait folgt prompt: ".... super übrigens - war es für mich ein riesiger Schritt nach vorn; mit einer Frau über meine Tat zu sprechen, die ich eigentlich noch gar nicht so gut kenne, Danke dafür!..."