Conni Köpp meets Togga.

2016.

Knapp 27 Jahre liegen hinter mir, als ich am Tresen vom Voilà gelehnt und ihm ins Ohr geflüstert: „Eines Tages schreib' ich über dich.“ Ich glaub, ich hatte mich zuvor verknallt, nachdem er mich über eine Traube von Menschen hinweg fixiert und in den Laden gezerrt hatte. Damals hatte so was schon gereicht, um zu beeindrucken. Jeder wusste, seine Tür war hart. Und oft verdammt brutal. Wie viel Magie doch damals in Gewalt gesteckt.... verkehrte, verzerrte Welt.

Zu selten nüchtern, Blicke getrübt, den selben Wahn im Blick, zumindest am Wochenende.   

 

Heute fällt ein Stück vom Vorhang und ich betrete mit Thomas seine Bühne. Schaue mich noch einmal um in seinem Stück, im Bilderbuch für Erwachsene. Szenen aus dem letzten Jahrtausend. Ich sehe Splitter, Splatter, Suff und Sinn - zumindest die Suche danach.

Wer in den 80/90ern jung war, flügge, sich im Aufbruch, Ausbruch, Umbruch befand, nicht sicher war, was schöner war – das Finden oder das Suchen, der kannte die Orte, an denen "man" sich traf. Und der kannte auch ihn, einen der Lautesten (allein seine Blicke waren ein schweigender Donner). Und manche auch nur seine Faust – wenn die vom Griff der Stahltür ließ, um jemand sein Gesicht auch ohne OP zu verschönern.

Oh, diese Türschwelle zwischen Asphalt und A-Körbchen hinterm Tresen (Voila, Madhouse, Pleasure Dome u.a.), wo mit Argusaugen inspiziert wurde, die Ärmel hoch gekrempelt, bevor ein Blick fürn Gast nach Stunden in der Schlange plötzlich zum Stoppschild wurde. "Heut' nicht! Geschlossene Gesellschaft!" "Wieso! Der andere ist doch auch.....!""Bist du der andere?"

Oder wenn Gruppen voneinander getrennt wurden. Wonach es ging, erschloss sich einem nicht. Manche Freundschaft wurde vor der Tür beendet!

 

Ganz sicher klebte Haut und Blut an jeder seiner Türen. Wurden Nasenbeine, Kniescheiben, Prothesen, Zähne und Knochensplitter von Kantsteinen gefegt. - Hart wie ein Panzer, hoch wie ein Turm, und nur bezwingbar, wenn er heimtückisch aus dem Hinterhalt angegriffen. Dann lag selbst er schon mal im eigenen Saft und mitten auf der Reeperbahn, und nimmt nur im Delirium Gestalten auf den Trampelpfaden wahr. .... Und einmal zieht ihn eine zittrige Hand in einen Schoß. Hier stink's nach Pisse und fettigem Haar, nach ungewaschener Haut, doch auch nach verdammt großer Nächstenliebe! Im Grunde glaubt sich Thomas schon im Himmel, wenngleich das nicht das Paradies sein konnte. Der Schoß, die zärtliche Hand und die Strähnen, dessen Besitzerin eine Obdachlose, nun Lebensretterin, war. Ohne sie wär' er.....

Mit halb geöffnetem Hinterschädel schleppt er sich ins Taxi, erinnert weder seinen Namen, noch kennt er seine Anschrift. Im Krankenhaus lässt man ihn vor, denn da kennen sie ihn, da ist er schon Stammgast bei immer derselben.   

 

Man dichtete ihm Vieles an, um Wissen ging es dabei nicht. Wer wusste schon, dass er Gedichte schrieb, er malte und Hermann Hesse zum Frühstück las? Für Hamburg war er Togger, der Hühne, die schnelle Faust, das schnelle Bein, immun gegen Schmerzen, Schwäche, Heuchelei. Einer, der winselnde und bettelnde Männer an der Tür statt Eintritt 'ne Kopfnuss gewährt, wenn die ihn grundlos nervten:

„Eure deutsche Frrrrauen sind alles Nuttttten!“ - das reichte damals schon....verbale Schläge gibt es kaum, schneller fliegen Fäuste oder Flaschen. Und wer am Ende winselt, kriegt erst recht eins auf die Knochen! Ne, bei Togger muss niemand wirklich leer ausgehen, manche tragen ihre Andenken noch heute mit sich rum. Damals, als manche Tür besonders aggressiv und ziemlich radikal war. Und trotzdem.... Magie & Wahnsinn im Duett. Erklären konnte man (Frau) es nicht. 

 

Heute bin ich 47, er ist 52. Älter sind wir an Jahren, doch nicht heiser, eher reflektierter. Er trägt sein Haar noch immer nicht, wo's hingehört, sein Schädel glänzt noch immer so wie frisch poliert. Und mein Haar - selbe Mähne wie damals. Wir zwei Zwillinge, wir plauderten uns zum Warmwerden durch alte Bekannte, Verdorbenes, Mörderisches, Gerichtliches, Delikates, Krankes. Drogen, Feten und Delikte..... ein Stück Zeitreise in die 80er und 90er. Hurra, wir leben noch!  

 

Jetzt teilen wir noch schnell zwei Törtchen und sind brav. Ich schüttle meine Fragen aus dem Ärmel und bohre mich durch seine Kindheit und Jugend. Er ist entspannt, vielleicht ein bisschen aufgeregt, schon fast verlegen. Die Hand entspannt, schon längst nicht mehr zur Faust geballt, entfernt von Kampfesposition. Er könnte noch, doch fehle ihm der Bock dazu. Er .... ist verdammt gut drauf und reizt mein Zwerchfell bis an seine Grenze. Seine humorvolle Seite hatte ich schon fast vergessen.

 

SEIN LEBEN.

Der kleine Steppke wächst als Thomas Gardlo auf. Die Verhältnisse sind bescheiden, die Eltern echte Malocher, sein Bruder sein Vorbild: „Duke“ nannten sie ihn. Mehr Verschworene als Brüder, doch unterschiedlich wie Tag und Nacht. Zuhause herrscht der rauhe Ton des Seniors, mit seiner Ma' ist er besonders eng. „Wir waren nie wie Mutter und Sohn, eher Seelenverwandte!“   

Ein guter Schüler sei er nie gewesen, eher auffällig in seinem Verhalten, voller Freiheitsdrang, unterschwellig aggressiv, doch ausgestattet mit künstlerischen Gaben: Zeichnen und Malen. Er wird sogar versetzt, doch einmal in die falsche Richtung - zurück in die 3.. Zu lange sei er zu verspielt gewesen, nutzte die Schulpausen sogar aus, um Zuhause schnell nach seinem Kaninchen zu schauen.  

Den Hauptschulabschluss schafft er, bleibt aber ein Anti. Irgendwann folgt das Wirtschafts-Fachabi, geschuldet und gedankt einem Lehrer, der als einziger je einen Zugang zu ihm fand.

„Ich war König im Überleben, und in Stenografie wurde ich freigestellt.“

Ich lache und übersetze das Überleben durchs Bescheißen.   

Manchmal läuft er weg und folgt dem lauten Ruf der Freiheit. Als er am Hafen steht, sucht er mit einem Freund ein Schiff, auf dem sie sich verstecken können - bis nach Amerika! Doch weit kommen sie nicht, verlaufen sich, flitzen über den Kiez ...  ihre Flucht endet im Sackbahnhof St. Pauli. Und auf der Davidwache wartet auf die Streuner schon die Strafarbeit: Kaugummis von Zellen kratzen. Ziemlich angemessen für 12-Jährige!

 

Irgendwann, er ist schon groß genug, haut er schon wieder ab, doch dieses Mal für länger. Er schlägt seine Zelte ganze 9 Monate im Freien auf, davon 6 Wochen an der Alster.

„Irgendwann hab ich gedacht, ich muss ein Penner sein! Ich hatte nur noch meine Jugend und 'n Motorrad – doch immer noch mehr als viele andere.“

Er quartiert sich in ein leer stehendes Haus an der Elbchaussee ein. Hier, wo selbst einer wie er Schiss vor Geräuschen kriegt. Bis Bauarbeiter ihn schließlich rausschmeißen, er ein leeres Ersatzhaus findet, die Scheibe dort einschlägt und es ebenfalls besetzt. Den Winter übersteht er am Kamin, doch hat er am Ende die Rechnung ohne Rauch gemacht, die eine Fährte zu ihm legt.

 

(Wie er das alles erzählt - ich liege mit Schreikrampf unterm Tisch!)

 

Er möchte noch den Obdachlosen von der Alster erwähnen. Den Arzt mit tragischer Vita, der stets die Wundversorgung seiner Kameraden übernahm. Der hat ihn sehr bewegt - genau wie damals dieser Lehrer. Kleiner Rückblick: der hatte Togger zum Segeln eingeladen, aber die ganze Zeit 'ne  Flasche am Hals gehabt. Und so musste Thomas das Boot allein und sicher wieder zurück manövrieren. Die Verantwortung dabei war das geile Gefühl, bevor sich am Ende herausstellt, dass der Typ nur Wasser in der Pulle hatte!

„Sein Plan war aufgegangen. Der Mann hat enorme Spuren bei mir hinterlassen.“ 

  

Er ist noch keine 20, da bewacht er die erste Tür. Doch diese Stellung hatte er sich erkämpfen, einige Bewährungsproben meistern müssen. Aufs Voila folgt das Madhouse (12 Jahre).  „Vom Landei in die Großstadt“, lacht er dreckig (ich liebe seine Lache), dann erzählt er mir von den Luden-Abenden im Madhouse -  klar war er mit Pinzner und anderen Größen immer per Du. Er zählt noch alle seine Türen auf, von guten Clubs bis „Plätze für verlorene Seelen“.

Mit 42 ist Schluss für ihn.

 

„Das Leben hat zu mir gesprochen – und ich hab' zugehört!“

 

Nachdenklich kann er auch. Wir sprechen über Familie, von Freunden, die schon ewig zu ihm stehen und von Beziehungen, in denen er so gut wie immer steckte. „Gerade habe ich um meine Ex gekämpft, drei Monate Personenentzug – welch qualvolle Strafarbeit!“

Er greift meine Hand und sagt ganz leise: "Aber ich hab' sie wieder!" Hach, was mag ich seine weiche Seite.   

Für Kinder fühlte er sich nie berufen. Okay, kein Papa Togga.

Und Togga als Freund? „Loyal, verständnisvoll, ein guter Zuhörer. Ich stehe hinter meinen Freunden, ob gut oder schlecht!“ 6 beste zählt er auf. „Unbezahlbar, die Gespräche und Nähe mit meinen Jungs!“ 

Togga als Mann? „Einst Rastloser, heute Angekommener. Ich rannte früher vor lauter Rastlosigkeit auf Häuserdächer, kam einfach nicht zur Ruhe. Belastend und schlimm, dieses Getriebensein.“ 

Togger als Partner? „Ich habe alles falsch gemacht, war Rumtreiber, Macho, Egoist.“ WAR! 

Toggers Grabinschrift? „Thomas war ein feiner Kerl.“ Er fragt mich glatt, was besser klingt: "gut“ oder „fein“ :-)  

 

Er klingt sogar ein bisschen sprirituell. Wir glauben beide an Karma.

„Wir werden zu dem, was wir waren. Sind geistige Geschöpfe, die eine körperliche Erfahrung machen, um wieder zu geistigen Wesen zu werden.“ Ich nicke nur.

 

Mir fällt noch seine Totenkopf- und Teufelssammlung in seinem Jugendzimmer ein. Ich hatte damals bei ihm „Angel Heart“ auf VHS geschaut und mich gegruselt vor dem schwarzen Kabinett um mich herum.

„Alles weg und verschenkt! Mein Dank gilt dem Wanderprediger, Spitzname „Bürgermeister“. Der hat mich Zuhause gesegnet, und danach war mir all der Grusel selbst ein Grusel.“ Den letzten Anstoß hatte seine Ma' gegeben.

„Wer sich mit so viel negativer Energie und Dunkelheit umgibt, der ist davon durchdrungen.“ Er nahm das ernst und  wollte endlich Licht und leichter werden.  

 

Wir sprechen von Büchern. Sachbücher über Ernährungsthemen und Lebensphilosophien verschlinge er, ist überzeugter Atheist und steht dem Buddhismus heute nahe. Siddharta und Steppenwolf benennt er mir als Favoriten - wie schon vor 25 Jahren. 

Heute liebe er die Stille an besonderen Ecken und Plätze der Stadt, liebt Bäume, überhaupt viel Natur. 

Kampfgegner von einst – mit einigen ist er auf Bruderkuss, mit anderen hat er noch immer eine Rechnung offen. Oder die mehr mit ihm. Seine Träume sind bescheiden: Geregelte Arbeit auf dem (Messe)Bau und ein glückliches Leben in Gesundheit, umgeben von Freundin, Motorrad und 'ner Menge Grünzeug. Der Personal Trainer (u.a. für Scooter seit 14 Jahren) bliebe er auch gern weiter. Er wiegt sich in der Ahnung, dass sein Karma doch nicht so beschissen ist, hat längst Frieden geschlossen, zuallererst mit sich selbst und dann mit anderen. Kampfschwimmer wollte er mal werden und ist doch froh, dass alles irgendwie ganz anders kam. Gespräche mit jungen Rebellen liebe er, und als Patriot mache er sich ständig Gedanken um sein Land.

„Und ich mag Bruderschaften, weil Kameradschaft da noch zählt!“ Einer für alle, alle für einen.

 

Er streut noch kurz zwei Spleens in die Runde – von der Rennfahrerkarriere und der Fremdenlegion. Aus dem ersten wird nichts, auch wenn er sich als Autonarr bezeichnet. Das zweite endet nach einer Fahrt mit zwei Buddies im Mercedes nach Paris und der schnellen Rückkehr. Nur einer der drei sei tatsächlich später gegangen und lange Zeit geblieben.   

Viele Männer kannten seine rechte Hand, nicht wenige Frauen seinen Charme, nur eine Handvoll Menschen auch sein Herz. Tonnenschwere Geschichten und Grenzüberschreitungen lasten auf seinen Schultern. Doch einer mit DEM Kreuz kann das tragen.  

 

Die Zeit ist um. Als seine Rennmaschine vom Horizont des Asphalts verschluckt wird, bin ich noch mal ganz kurz Mitte 20 und umklammere ihn mit wehendem Haar auf seiner alten Harley. Ich freue mich für ihn, er hat noch immer nicht an Charme verloren.

 

Tschüß, mein Großer, bis zum nächsten Mal, dann sind wir noch ein bisschen älter, noch ein wenig weiser, doch ganz bestimmt noch kein Stück heiser.  Und ich werde hoffentlich nie Schlimmes von dir lesen müssen. Denk an den.... Buddhismus!