Knapp 27 Jahre liegen hinter mir, dass ich am Tresen vom Voilà gelehnt und ihm ins Ohr geflüstert: „Eines Tages schreib' ich über dich.“ blinzel, blinzel. Ich glaub, ich hatte mich zuvor verknallt, nachdem er mich über eine Traube von Menschen hinweg fixiert und in den Laden gezerrt hatte. Damals hatte so was schon gereicht, um zu beeindrucken. Jeder wusste, seine Tür war hart. Und manchmal auch verdammt brutal. Komisch, wie viel Magie das allein damals schon auslöste.  Vielleicht lags daran, dass wir selten nüchtern waren, unsere Blicke getrübt...zumindest am Wochenende.

 

Heute fällt ein Stück vom Vorhang und ich betrete gemeinsam mit ihm seine Lebensbühne. Das Stück ist wie ein Bilderbuch für Erwachsene, Szenen aus dem letzten Jahrtausend. ich sehe Splitter, gab es damals schon den Ausdruck „splatter“? Wer in den 80/90ern jung war, flügge, sich im Aufbruch, Ausbruch, Umbruch befand, nicht sicher war, was schöner war – das Finden oder das Suchen, der kannte ihn. Und manche sogar seine Faust – wenn die vom Griff der Stahltür abließ, um jemand aufs Maul zu hauen. An ihm – der Türschwelle zwischen Asphalt und Tanzfläche (Voila, Madhouse, Pleasure Dome u.a.) - kam niemand unerkannt vorbei. Mit Argusaugen wurde inspiziert, wer grünes Licht bekam. Wonach er ging, entschloss sich einem nicht.

 

Ich bin mir sicher, dass an jeder seiner Türen Haut und Blut geklebt und nur wenige Schritte davor sich Nasenbeine, Kniescheiben, Prothesen, Zähne und Knochensplitter wie Puzzleteile auf Kantsteinen verteilten. Hart wie ein Panzer, hoch wie ein Turm, und nur bezwingbar, wenn er heimtückisch aus dem Hinterhalt angegriffen. Dann lag selbst er schon mal im eigenen Saft und mitten auf der Reeperbahn, und nimmt nur im Delirium die Menschen auf den touristischen Trampelpfaden wahr. Bis eine zittrige Hand ihn in ihren Schoß zieht. Es stinkt nach Pisse und fettigem Haar, nach ungewaschener Haut, doch auch nach großer Nächstenliebe. Im Grunde glaubt er sich bereits im Himmel, wenngleich das nicht das Paradies sein konnte. Der Schoß, die zärtliche Hand und die Strähnen gehörten einer Obdachlosen. Doch ohne sie wär' er..... Mit halb geöffnetem Hinterschädel schleppt er sich ins Taxi, weder erinnert er seinen Namen noch seine Anschrift. Im Krankenhaus lässt man ihn vor, da kennt man ihn, da wird er von der immer selben Schwester wie ein „Stammgast“ behandelt.

 

Man dichtete ihm Vieles an, nur wenige durften ihm nahe sein und mehr wissen. Ich wusste - dass er kleine Gedichte schrieb, malte und sich von Hermann Hesse inspirieren ließ. Für Hamburg war er Togger, der Hühne mit der schnellen Faust und den schnellen Beinen, ziemlich immun gegen Schmerzen, Schwäche, Heuchelei. Einer, der winselnde und bettelnde Männer an der Tür statt Eintritt lieber 'ne Kopfnuss gewährt, wenn die ihn nerven. Beispiel: „Eure deutsche Frrrrauen sind alles Nuttttten!“ - das reichte damals schon....erst kommt es zur verbalen Schlacht, dann fliegen Fäuste oder Flaschen. Am Ende wird er angewinselt, worauf er überhaupt nicht kann. Doch niemand soll leer ausgehen, im Grunde kann er jeden Haken auch rechtfertigen. Damals, als manche Tür besonders aggressiv und ziemlich (rechts)radikal war.

 

Heute bin ich 47, er ist 52. Älter sind wir an Jahren, doch nicht heiser, eher reflektierter. Er trägt sein Haar noch immer nicht aufm Kopf, und meins hat die gleiche Länge wie damals. Wir zwei Zwillinge, wir plaudern uns zum Warmwerden durch alte Bekannte, Verdorbenes, Mörderisches, Gerichtliches, Delikates, Krankes. Drogen, Feten und Delikte..... ein Stück Zeitreise in die 80er und 90er. Hurra, wir leben noch!

 

Jetzt teilen wir zwei Törtchen und sind brav. Ich schüttle meine Fragen aus dem Ärmel und bohre mich durch seine Kindheit und Jugend. Er ist entspannt, vielleicht ein kleines bisschen aufgeregt, verbunden mit Verlegenheit. Die Hand schon längst nicht mehr zur Faust geballt, sehr weit entfernt von Kampfesstellung. Er könnte noch, doch hat er keinen Bock mehr. Er ist verdammt gut drauf und reizt mein Zwerchfell bis zur Grenze. Diese humorvolle Seite hatte ich kaum noch in Erinnerung.

Der kleine Steppke wächst als Thomas Gardlo auf. Die Verhältnisse sind bescheiden, die Eltern echte Malocher. Sein großer Bruder war sein Vorbild. Der „Duke“, wie sie ihn nannten, bis heute sind die Brüder wahre Verschworene, doch unterschiedlich wie Tag und Nacht. Zuhause herrscht der rauhe Ton des Seniors, mit seiner Mutter ist er besonders eng. „Wir waren nie wie Mutter und Sohn, wir sind Seelenverwandte.“

 

Ein guter Schüler war er nie, auffällig vom Verhalten, voller Freiheitsdrang, unterschwellig aggressiv, doch ausgestattet mit künstlerischen Gaben: Zeichnen und Malen. Er wird sogar versetzt, doch einmal in die falsche Richtung (zurück in die 3.). Lange sei er auch verspielt gewesen und nutzte die Schulpausen aus, um Zuhause nach seinen Kaninchen zu schauen.

 

Den Hauptschulabschluss macht er trotzdem, bleibt aber immer noch Anti. Irgendwann folgt noch das Wirtschafts-Fachabi, was er dem einzigen Lehrer zu verdanken hat, der jemals einen Zugang zu ihm fand. „Ich war König im Überleben, und in Stenografie wurde ich freigestellt.“ Ich lache und ersetze das Überleben durchs Bescheißen.

 

Manchmal läuft er weg und folgt dem lauten Ruf der Freiheit. Als er am Hafen steht, sucht er mit einem Freund ein Schiff, das beide nach Amerika bringen soll. Da ist er gerade mal 12. Die zwei verlaufen sich, flitzen über den Kiez und verstecken sich. Ihre Flucht endet im Sackbahnhof St. Pauli. Man bringt sie auf die Davidwache, wo die Strafarbeit schon auf sie wartet: sie müssen Kaugummis von Zellen kratzen.

 

Irgendwann, er ist schon groß genug, haut er schon wieder ab, doch dieses Mal wird es für länger sein. Er schlägt seine Zelte für 9 Monate im Freien auf, davon 6 Wochen an der Alster. „Irgendwann hab ich gedacht, ich muss ein Penner sein! Ich hatte nur noch meine Jugend und mein Motorrad – doch mehr als viele andere.“ Er entdeckt ein leer stehendes Haus an der Elbchaussee und quartiert sich dort ein. Doch ganz allein dort machen ihm selbst Geräusche von Mäusen schon Angst. Dann kommen Bauarbeiter und schmeißen ihn schließlich raus. Er findet ein leeres Ersatzhaus, schlägt die Scheibe dort ein und besetzt es. Den Winter übersteht er, weil er den Kamin anschmeißt, und hat am Ende die Rechnung ohne Rauch gemacht, die eine Fährte zu ihm legt. Die Geschichte erzählt er so lustig, dass ich vor lauter Lachen mit dem Schreiben nicht mehr nachkomme. (sorry)

Er möchte noch den Obdachlosen von der Alster erwähnen. Den Arzt mit der tragischen Vita, der die Wundversorgung der anderen übernahm. Er hat ihn sehr bewegt, wie damals dieser Lehrer. Ganz kurz zurück zu diesem: er hatte Togger zum Segeln eingeladen, und die ganze Zeit die Flasche am Hals gehabt. Und so musste er das Boot allein und sicher wieder zurück bringen. Die Verantwortung dabei war das geile Gefühl, bevor sich am Ende herausstellt, dass der Typ nur Wasser in der Flasche hatte. „Sein Plan war aufgegangen. Der Mann hat große Spuren bei mir hinterlassen.“

 

Er ist noch keine 20, da steht er zum ersten Mal an der Tür. Doch diese Stellung hatte er sich erst erkämpfen, einige Bewährungsproben meistern müssen. Nach dem Voila geht’s ins Madhouse, 12 Jahre bleibt er da. „Vom Landei in die Großstadt“, lacht er dreckig (ich liebe seine Lache) und erzählt mir von den Luden-Abenden im Madhouse, er kannte auch den Pinzner und einige andere, die ständig Stadtgespräch waren. Dann zählt er mir alle Türen auf, von guten Clubs bis „Plätze für verlorene Seelen“. Mit 42 ist Schluss.

 

Das Leben hat zu mir gesprochen – und ich hab' zugehört.“

Nachdenklich kann er auch. Wir sprechen über Familie, von Freunden, die schon ewig zu ihm stehen und Beziehungen, in denen er so gut wie immer steckte. „Gerade habe ich um meine Ex gekämpft, drei Monate Personenentzug – welch qualvolle Strafarbeit!“ Er greift meine Hand und sagt ganz leise: "Aber ich hab' sie wieder!" Hach, was mag ich seine weiche Seite.

 

Für Kinder fühlte er sich nie berufen. Okay, kein Papa Togga.

Und Togga als Freund? „Loyal, verständnisvoll, ein guter Zuhörer. Ich stehe hinter meinen Freunden, ob gut oder schlecht!“ 6 beste zählt er auf. „Unbezahlbar, die Gespräche und Nähe mit meinen Jungs!“

Togga als Mann? „Einst Rastloser, heute Angekommener. Ich rannte früher vor lauter Rastlosigkeit auf Häuserdächer, kam einfach nicht zur Ruhe. Belastend und schlimm, dieses Getriebensein.“

Togga als Partner? „Ich habe alles falsch gemacht, war Rumtreiber, Macho, Egoist.“ WAR!

Toggas Grabinschrift? „Thomas war ein feiner Kerl.“ Er fragt mich glatt, was besser klingt: "gut“ oder „fein“  :-)

 

Er klingt sogar ein bisschen sprirituell, und wir glauben beide an Karma. „Wir werden zu dem, was wir waren. Sind geistige Geschöpfe, die eine körperliche Erfahrung machen, um wieder zu geistigen Wesen zu werden.“ Ich nicke vier mal mit dem Kopf.

Mir fällt natürlich seine Totenkopf- und Teufelssammlung in seinem Jugendzimmer ein. Ich hatte damals bei ihm „Angel Heart“ auf VHS geschaut und mich gegruselt vor dem schwarzen Kabinett um mich herum. „Alles weg und verschenkt! Mein Dank gilt dem Wanderprediger, Spitzname „Bürgermeister“. Der hat mich Zuhause gesegnet, danach war mir der Grusel selbst ein Grusel.“ Den letzten Anstoß hatte seine Ma' gegeben. „Wer sich mit so viel negativer Energie und Dunkelheit umgibt, der ist davon durchdrungen.“ Er wollte endlich Licht und leichter werden.

 

Wir sprechen von Büchern. Er verschlingt Sachbücher über Ernährungsthemen und Lebensphilosophien, ist überzeugter Atheist und steht dem Buddhismus nahe. Siddharta und Steppenwolf benennt er mir als Favoriten - wie schon vor 25 Jahren.

Heute liebe er die Stille, seine ganz eigenen und besonderen Ecken und Plätze der Stadt, besonders Bäume, überhaupt viel Natur.

Kampfgegner von einst – mit einigen ist er auf Bruderkuss, mit anderen hat er noch immer eine Rechnung offen. Oder die mehr mit ihm. Seine Träume sind bescheiden: Geregelte Arbeit auf dem (Messe)Bau und ein glückliches Leben in Gesundheit, umgeben von Freundin, Motorrad und 'ner Menge Grünzeug. Der Personal Trainer (u.a. für Scooter seit 14 Jahren) bliebe er auch gern weiter. Er wiegt sich in der Ahnung, dass sein Karma doch nicht so beschissen ist, hat längst Frieden geschlossen, zuallererst mit sich selbst und dann mit anderen. Kampfschwimmer wollte er mal werden und ist doch froh, dass alles irgendwie anders kam. Gespräche mit jungen Rebellen liebe er, und als Patriot mache er sich ständig Gedanken um sein Land. „Und ich mag Bruderschaften, vor allem die Kameradschaft, die da zählt.“

Er streut noch kurz zwei Spleens in die Runde – von der Rennfahrerkarriere und der Fremdenlegion. Aus dem ersten wird nichts, auch wenn er sich als Autonarr bezeichnet. Das zweite endet nach einer Fahrt mit zwei Buddies im Mercedes nach Paris und der schnellen Rückkehr. Nur einer der drei sei tatsächlich später gegangen und lange Zeit geblieben. 

 

Viele Männer kannten seine rechte Hand, nicht wenige Frauen seinen Charme, nur eine Handvoll Menschen aber auch sein Herz. Tonnenschwere Geschichten und Grenzüberschreitungen lasten auf seinen Schultern. Doch einer mit DEM Kreuz kann das tragen.

 

Die Zeit ist um, wir fahren wieder in unterschiedliche Richtungen. Als seine Rennmaschine vom Horizont des Asphalts verschluckt wird, bin ich noch mal ganz kurz Mitte 20 und umklammere ihn mit wehendem Haar auf seiner alten Harley. Ich freue mich für ihn, er hat noch immer nicht an Charme verloren. Und sicher fühlt man sich an seiner Seite auch – typisch Kick Boxer.

Tschüß, mein Großer, bis zum nächsten Mal, dann sind wir noch ein bisschen älter, noch ein wenig weiser. Und ganz bestimmt noch immer kein Stück heiser.