Wer mich kennt, weiß: bestimmte Stimmen können mich erregen. Eine von denen sitzt jetzt vor mir, und sie gehört einem Berg von Mann, den alle unter Eddy Kante kennen. Ich will nicht groß reden, will einfach nur hören und am liebsten Fragen stellen, auf die er möglichst ausgedehnt antworten muss. Oh, dieser Ruhrpott-Slang mit Reibeisenflair. „Hömma, Goldstück....!“ „Jaaaa, Meister Kante?“

Mit 20 wäre ich ihm weniger gern begegnet, da lebte er noch, wie er aussah. Doch auch die (Schwerver)Brecher kommen in die Jahre, und haben sie auch Kinder, strahlen Sie sogar was Anschmiegsames, Weiches und Reuiges aus. Zärtlichkeit? Das wäre etwas übertrieben.....


Begegnet war ich Eddy auf seiner Lesung im Strandhaus Norderstedt. Mich hat nicht interessiert, was da mit Udo war und all dem Quatsch, den schon die Presse zig mal durchgekaut. Ich wollte diesen Typen mit Ecken und Kanten, an denen man sich schneiden konnte. Und als er anfängt zu lesen, da füllt sich kurze Zeit später der Saal mit leisen Tränen. („Die Arme meiner Mutter waren wie Asphalt...“). Gewaltgeschichten sind nicht neu, doch irgendetwas berührt mich bei der Kante so, dass ich ihn mir nach den zwei Stunden greifen muss, warum er heute vor mir sitzt.

Natürlich hat auch er ein Buch jetzt über sich (Schwarzkopf & Schwarzkopf), der hat ja auch was zu erzählen. Wer auf so Lebenskrimis steht, der kriegt von Kante ungestreckten Stoff. Drama statt Kitsch, Gewalt statt Streicheleinheiten....eben alles, was für viele Kinder Alltag ist. Viele, und jeder von ihnen ist einer zu viel.

 

Aufgewachsen bei der Tante (seine Rettung), die Eddys gewohnte Brutalität (Elternhaus) gegen liebevolle Regeln austauscht. Der spannende große Rest steht in dem Buch „In meinem Herzen kocht das Blut...“
Kante, dessen Schmuck an den Händen ganze Vitrinen füllen, und dessen Tattoos Wandtapeten ersetzen könnten, stockt mir seine Vita noch mal auf.
Jugendstrafvollzug! Doch eingeschüchtert hat ihn nie etwas. Man liest ihm seinen Kampfgeist vom Gesicht ab, wohl auch der Udo einst, warum der den Kante als Bodyguard wollte. Selbst eine weitere Haftstrafe ändert nichts an der Zusammenarbeit und engen Freundschaft dieser beiden Unikate.
„Ich lebte Udos Leben“ - rund 16 Stunden täglich meistern sie gemeinsam Arbeit und Privates. 33 Jahre lang, dann es ist aus. Verstehen werden das nur Insider. Aber der Schmerz schreit Kante förmlich von der Zunge, als er mir den Sachverhalt kurz formuliert.

 

Kante, *8.10.59, in Hagen. Mehr gelebt als geliebt, mehr gerockt als gebetet, mehr verloren als gewonnen, und doch heute frei. „Und ich mach mein Ding!“ - ich hol den Song mal eben volle Kante aus den Boxen raus. Im Duett klingen wir gar nicht mal schlecht!
Seine Hornhaut ist dick, sein Herz vernarbt, sein Panzer extrem kugelsicher. Ich kriege trotzdem einen Blick dahinter, und ich kann sein Herz unter der Jacke pochen sehen, als er von seinen Kindern spricht. Ansonsten fürchtet er nichts, schreckt nichts ihn ab, obwohl er heute mit den Begriffen Anstand und Gesetz weitaus mehr anfangen kann als noch in jungen Jahren. Einer wie er hat sich ausgetobt, sogar in kleinen Fernsehrollen - ob Bella Block oder Helge Schneider... die Menschen hinter den Namen sind ihm vertraut. Freunde? Becker, Maffay, Lindemann u.a.. -
 
Weihnachten? „Find ich geil, ich stell sogar n Baum auf, wenn meine Tochter kommt.“ - Zuhause? „Jahrelang im Atlantik neben Udo. Heute 50qm, meine Zukunft gehört Malta!“ - Als er meinen Magen knurren hört, reagiert er mit dem (welt)berühmten Kartoffelsalat, er auch schon in der Presse war. "Nur mein Rezept kriegen die nicht!" 
Und sonst so? Alkohol sei ihm das Schlimmste. „Vielleicht kannst du MIT ihm leben, aber niemals VON ihm!“

 

Die Stunde ist um, die Tassen sind leer, und seine Stimme auf meinem Handy gesichert. Ich will ihn unbedingt noch einmal lesen hören. Bis dahin aber will ich ihn auf einer seiner verruchten Kiez-Touren erleben.