„Und bitte komm' gern wieder!“

„Ja! JAAA! Dann bringe ich dir eine Vollkornstulle mit, beschmiert mit Butter und belegt mit Apfel und Pfeffer!“

 

Komisch, den Text mit dem Ende zu beginnen. Heut' ist anders. Irgendwie schön. Schön anders.

Als die Tür aufgeht, steht sie vor mir – stolz gewachsen, lässig, das graue lange Haar nach hinten gebunden, locker sitzt das Hemd in der Hose. Ich sehe ein verschmitztes Lächeln und fühle mich erwartet und willkommen. Ich halte ihr 2 Blaubeertörtchen vor die Nase.

 

„Haben Sie ein Lieblingsplätzchen?“ frage ich in der Wohnküche.

„Wir duzen uns immer alle! Und – NEIN! Wenn ich das hätte, wäre ich doch alt. Ich möchte schön flexibel bleiben!“

 

Wir trinken, speisen und reden, reden, reden. Noch gar nicht über sie, doch will ich keinen Cut, ich mag ihre junge und klare Stimme und das, was über ihre Lippen kommt. Ich muss nicht einmal lauter sprechen, sie hört mich ganz genau!

Endlich kriege ich die Kurve und wir landen bei ihr. Ich habe Angst, dass ihre Zeit begrenzt, dass sie gar müde würde oder es sie überfordern könnte. Da wusste ich noch nicht: weit weit gefehlt!

„Oh Gott! Willst du das wirklich alles wissen?“ Ein paar Interna, so von Frau zu Frau, rutschen ihr raus. Die werden hier natürlich nicht verraten.

„JA! Bitte nicht aufhören!“

 

Geboren am 16. März 1938 in Hannover. Sie stöhnt. „Schrecklich! Wer wird schon in Hannover geboren!“ Sie bringt mich zum Lachen.

Aufgewachsen im englischen Stil und mächtig privilegiert, 5 Kinder, Villa, Kindermädchen und Chauffeur. Containance und Disziplin, ohne Platz für Traurigkeit und Tränen. Bildung? Fehlanzeige! Die Schule kommt ihr vor wie ein Gefängnis. Die Fenster nur selten auf Kipp, die Lehrer sind alt, mit Glasauge und Krückstöcken. Als einzige der Geschwister ist sie eine „Schulversagerin“, bekommt von ihrer Mutter zu hören: „Du hast Rost im Hirn!“ Wenn die damals gewusst hätte....

 

Eines aber wird deutlich: ihr Fleiß und ihr Geschick mit den Händen. Im Handumdrehen ist sie ein Schneiderlehrling, im zarten Alter von gerade 15/ 16 Jahren. Umgeben von traumhaften Stoffen und von Wohlgefühl, hier taut sie auf, ist Pausenclown und Mannequin.

Modedesign - mit Faible für besondere Stoffe, die es in Deutschland so noch nicht gibt. Doch hier endet die Welt der Mode, Paris hat Dior – Hannover hat nichts. So jung sie ist, sie hat Fernweh und weint es den Eltern immer wieder vor, bis ein Deal mit ihnen ihr Ziel in greifbare Nähe rückt: mit 18 in die große weite Welt!

 

Die Reise in die USA beginnt in Bremerhaven. 9 Tage Überfahrt mit Schlafplatz in der Holzklasse. Getrieben vom Brennen im Herzen, mit Ehrgeiz im Gepäck, wird sie Schlafplätze mit Putzen und Nähen begleichen, Vorträge im Lions- und Rotaryclub halten; Seminare geben zum Thema „Lehrlings-Leben“ - für ein kopfschüttelndes Amerika. 

 

Ein Jahr ist um und sie schon wieder auf dem Schiff zurück. Wäre da nicht..... dieser Mann an Bord gewesen. „Den kann ich mir eigentlich gut für mich vorstellen!“ denkt sie und klettert ständig zu ihm über den Zaun in die 1. Klasse - während der Kapitän ihr zuwinkt und sie tatsächlich gewähren lässt.

Mit 19 heiratet sie genau diesen – ein Architekt, der eigentlich ein Auto in Deutschland und keine Frau finden wollte. Gemeinsam gehen sie zu ihm nach Pitsburgh, arbeiten wird Momo nicht mehr müssen. Nicht mehr brauchen. Sie wird Mutter.

Doch die schöne heile Welt wirft Schatten. Der Schein nach Außen – das Kontrastprogramm zum Sein hinter den Mauern. Nach 4 Jahren ist nichts mehr da, Haus und Geld unter Depressionsschüben verschenkt. Momo wird arbeiten müssen, um alle zu ernähren – doch den Pass hatte ihr Mann ihr längst abgenommen. Nach langen drei Jahren gelingt es ihr, nur mit Hilfe der Botschaft zu entkommen. Die Scheidung folgt – und auch der frühe Tod ihres Exmannes.

 

Ein „Interconti“-Hotel eröffnet ausgerechnet in Hannover und wird die neue Arbeitsstelle. Für Geld und … für die Liebe! Sie verliebt sich in den Küchenchef, die beiden heiraten und wandern nach Neuseeland aus. Im 7. Monat schwanger, muss sie den Bauch einziehen, um fliegen zu dürfen. Nach 3 Jahren siedelt die Familie auf die Philippinen um, wo nacheinander drei weitere Kinder geboren werden.

 

Die Wende bahnt sich an, Momo nennt es „Lebensdrama“. Ihre Erzählung beginnt beim schwiegerelterlichen Ruf in den Schwarzwald – gegen ihren Willen. Dort, wo ihr die Enge des Tals die Luft raubt. Dann spricht sie vom Leben der Großfamilie, plus Pflegekind und Kindermädchen, in einem alten Schulhaus auf dem Berg.... sie spricht vom eigenen kleinen Hotel, wo Gäste schnell zu Wiederholungstätern werden.

 

Ich könnte stundenlang nur zuhören, komme kaum hinterher, weil ein Füllauf von Bildern in meinem Köpfchen Kapriolen schlagen. Eben steckte ich noch in den 60ern in Amerika mit ihr und nun bin ich im Schwarzwald.

 

„Ich brauche eine Zigarette.“ sage ich. - Und was sagt sie?

„Endlich!“ Momo springt auf und bietet mir im Nu und irgendwie erleichtert eine Reyno-Menthol an.

 

Weiter geht’s!

Sie arbeitet bis zum Anschlag, während ihr Mann für die Lufthansa durch die Welt jettet. Sie will wieder Zweisamkeit, er nur Karriere. Als sie ihre Kinder kaum noch sieht, der Leidensdruck immer größer wird, doch ein Stammgast ihr ein (moralisches) Angebot macht, da ist da plötzlich wieder Licht am Horizont!

 

„Es braucht halt manchmal einen Knall, wenn du am Anschlag bist!“

Jener Hotelgast ist ein sehr bekannter Journalist, wird ein besonders enger Freund und bietet ihr ein Leben in seinem Haus samt seinem Kind in Hamburg-Harburg an. Sie packt die Großfamilie ein und kehrt dem Tal und dem Hotel den Rücken. Sie hatte ihren Mann gewarnt, doch er die vielen gelben Karten übersehen. Als sie die rote zieht.... ist es zu spät!

 

Und wieder verliert sie einen engen Vertrauten, als der Freund verstirbt. Dieses Mal aber wird sie Sterben und Tod in einem (Mutmach)buch verarbeiten: „Laß los, ich fliege“ (Rowohlt).

Des Einen Ende ist des anderen Anfang. Aus dem lockeren Kontakt mit ihrem Mann über die letzten 5 Jahren enwickelt sich jetzt eine Fernbeziehung. Wo immer er sich auf der Welt um neu zu eröffnende Hotels kümmert, reist sie mit gesamter Kinderschar ihm hinterher. Zwei Kleiderschränke sind das Zeugnis ihrer Parallelwelten: im linken Gucci-Kleider und rote Nagellacke für die Trips nach Saudi Arabien und Co, im anderen die Jeans und Pullis für den Alltag, für Zuhause.

 

Jetzt der Knaller! Wir stellen fest, dass sie nur hundert Meter weit von mir entfernt gewohnt - und meine Wohnung über ihrem Hausarzt lag. Und dass eine damalige Freundin von ihr die Freundin meiner Mutter ist. Schräg! Einfach nur schräg! Wir (b)rauchen eine nächste Zigarette!

 

Eine wie sie, die steht wie ein Fels. Die erfindet sich neu – und bleibt doch immer die Alte! Ihr nächster Wunsch: eine lockere Wohngemeinschaft. Ein Haus voller Kinder, Jugendlicher, voller Leben, ein Potpourri an Lebensthemen- und dramen – bis sie schlussendlich genau hier landet! Hier, wo ich nun Törtchen mit ihr esse!

 

1998 gründet sie eine eigene Cateringfirma und steigt schnell auf zur Köchin hinter den TV-Kulissen, u.a. für Lanz und Beckmanns Gäste. 16 Jahre lang, dann wird die Sendung nicht weiter produziert. Sie fürchtet schon die Langeweile und das triste Rentendasein. Sie ist doch gerade erst 76, steckt in der 2. Blüte ihres Lebens!

 

Natürlich weit gefehlt, denn schon ist da der nächste Geistesblitz, mit dem sie schnell erfolgreich wird und stadtbekannt. In Hamburg spricht sich eben alles rum!

„Ich hatte so verdammt viel Glück im Leben und immer viel geerntet – nun säe ich! Bei mir ist das eben umgekehrt!“

 

Die leidenschaftliche Gastgeberin und die ins Kochen Vernarrte – die Frau, die ihren Ehemann zuhause bis zu seinem Tode pflegen wird – sie schiebt noch einmal die Möbel zurecht und dekoriert zwei lange Tafeln. Bis zu 26 Gäste klingeln jeden Freitag Abend an der Tür. „Win-win! Alle glücklich!“ Mit ALLE zählt sie auch das „Waldpiraten-Camp“ in Heidelberg auf, das sie durch die events mit Herzblut unterstützt. „Ein Kick, wenn die neue Spendenquittung die letzte wieder toppen konnte!“

Für ganze Menschenhorden zu kochen, Töpfe der Superlative in Schränken zu horten – pures Vergnügen für Momo Fuchs. Die Geschmäcker liegen ihr natürlich auf der Zunge und sie hat alles Wissen rund ums Zubereiten.

Sie selbst isst niemals mit. Sie genießt und ist dankbar. Besonders über die abwechselnde Unterstützung von 7 ihrer 9 Enkel beim Service sowie von Freundin Manuela Sonneck bei Planung und mehr. Am Ende geht’s gemeinsam an den Abwasch, gut gelaunt, als sei es ein Gesellschaftsspiel. Anonym sollen ihre Gäste sich hier fühlen - Promis, Barone oder Prinzessinnen – niemand legt hier Wert auf Herkunft, Status und Bekanntheit. Jeder Freitag ist anders, jeder ist besonders. Und zwischen den Gängen serviert sie ein Zusatzmenue, zubereitet aus 3 Fragen: „Was wolltest du als Kind mal werden? Wer bist du geworden? Welche Ziele hast du noch?“

 

Mitunter komme auch sie nicht um die Frage herum. Ihre Antwort:

„Als Kind wollte ich Schriftstellerin werden - ich habe Schreibmaschinen geliebt! - Tatsächlich wurde ich Journalistin für zig Magazine und war der Schreibsucht regelrecht erlegen. Heute bin ich Leseratte und genieße es, altersbedingt nachts wach zu werden, um meine Bücher zu verschlingen. - Und was noch vor mir liegt? Ich wäre gern Schlagzeugerin zu richtig harter Mucke. Mein Haar würde ich offen tragen, auch wenn es bei mir Scheiße aussieht. Der Schweiß würde mir nur so aus den Poren schießen, und nach meinen Auftritten würde ich von Groupis belagert. Und dann würde ich glücklich auf meiner Harley nach Hause fahren, in mein Haus am Meer, wo ich nebenbei natürlich einen erfolgreichen Roman nach dem anderen schreibe!“

 

Momo Fuchs - wacher noch als viele Menschen meines Alters. Zwischen uns liegen 32 Jahre. Spürbar ist das nicht. Ihre Haut ist frisch, ich ahne, wie schön sie als junge Frau in ihrer Haute Couture verzaubert haben muss. Welk ist anders, und 80 irgendwie auch. „Ich wasche mich nur mit Wasser und Seife!“ lacht sie.

 

Zurück zum Fluß des Lebens, zum Fluß in ihrer Eppendorfer Wohnung. Immer wieder überkomme es sie, dann rufe sie die Kinder an und stelle die Bude auf den Kopf. (Bingo! Ich kann jetzt mitreden und bewerbe kurz mein Unternehmen „Wohnkosmetik“!)

Letzter Stichpunkt: Familie....stolz erklärt sie, wie verkleistert die Familie sei, wie schwer es neue Partner der Kinder haben / hatten, weil sie sich den Platz erst mal erkämpfen mußten. „Wir sind so richtig laute, schnelle Durcheinander-Sprecher! Ich habe manchmal wirklich Mitleid!“

 

Momo in 20 Jahren? Jede andere würde sagen....- doch sie?

“Seit einem Jahr bin ich allein, nach noch 15 schönen Jahren mit meinem Mann. Ich möchte ihm noch lange nicht folgen. Auf keinen Fall! Und wenn ich das hier körperlich nicht weiter packe, dann kann ich immerhin noch schreiben.“

Apropos - gerade habe sie ihre Tagebücher entsorgt. „Als Hinterlassenschaft tatsächlich zu privat. Eine abendliche Selbsthilfe-Seelsorge, meist von kleinen Alltagskümmernissen. Die großen aber sind im Kopf noch sehr präsent!“

 

Über 2 Stunden. Die Zeiger der Zeit bleiben einfach nicht stehen und ziehen immer schneller ihre Runden.

„Und jetzt reden wir über dich, Conni!“ ....

 

Wenn ich mal gehen muss, dann will ich …... vorher wenigstens noch 80 werden. Und dann denke ich an Momo Fuchs. An eine Frau, die Spuren hinterlassen hat. Was für eine Begegnung!

 

P.S.: Ich mags kaum ausschreiben: Natürlich hat Momo auch einen eigenen Youtube-Kanal! Schlau wie ein FUCHS eben! :-)