Conni Köpp meets Klaus Püschel.

Eigentlich trifft man ihn erst, wenn man tot ist. Doch als ich über ihn im Zusammenhang mit einem jüngst grausamen Flugzeugcrash las, treb es mich zu ihm. 

Ich wollte ein Gesicht zu einem Menschen, der Höchstleistungen erbringt. Vielleicht auch wollte ich nur Fragen auf Antworten aus wissenschaftlicher Sicht. 

 

Man erwartet mich bereits und geleitet mich in sein Büro. Ein herrliches Chaos – es türmt sich, was sich türmen lässt: Ordner, Bücher, Notizen, Akten. Meine Augen fahren Looping. Weit oben ein Schädel im Regal (die Plastik seines eigenen), eine Horde an Literatur, auf vielen Werken steht sein Name. Fülle mit Tiefgang herrsch hier. Hier, wo gesammelt, sortiert und aufgearbeitet wird, was alles andere als mit „natürlichem Ableben“ zu tun hat. An der langen Schrankwand ein wunderschönes Sammelsurium persönlicher Fotos und Notizen. Dann ist er da!


Er, der berühmte Professor für Rechtsmedizin, Bekanntheitsgrad: weltweit! Seit 40 Jahren im Hamburger UKE zuhause. Ich weiß, er ist noch so viel mehr, doch heute bleibt nur Zeit für eine Handvoll Fragen.

KLAUS PÜSCHEL, Jahrgang 1952, 3 Kinder, 5 Enkel, verheiratet seit 38 Jahren, geboren im Osten, Fan von Werber Bremen. Ich reiche ihm die Hand und bilde mir ein, sie habe eben noch mit einem Werkzeug menschliche Gebeine abgetrennt oder zusammen genäht, auf der Suche nach Wahrheit, oder um den Angehörigen den letzten Abschiedsblick "erträglicher" zu machen.  "Manchmal lassen wir allerdings nur die Hand unter dem Leichentuch frei“ werde ich später aufgeklärt und meine Fantasie geht heimlich mit mir durch.
Bevor ich meine 1. Frage stellen kann, steht sein Kollege in der Tür und nimmt kein Blatt vor den Mund... ob man den Unterschenkel des Kindes noch abtrennen müsse.... 
 
Willkommen im Leben! Professor Püschel ist ein charismatischer Mensch, hoch gewachsen und stolz in der Haltung. Er wirkt so klar und geerdet, reißt so viele Geschichten an, nennt so viele Beispiele - Transparenz statt Schweigepflicht! Es fallen Fälle und Namen, die selbst mir noch Begriffe sind: Pinzner, Barschel, Säurefassmörder. Unzählige Einsätze in arabischen Ländern und in Afrika. - Wie reift so ein Berufswunsch bzw. diese medizinische Richtung? Püschel spricht mir von einem Schlüsselerlebnis:

die Vorlesung beim Hochschullehrer Prof. Brinkmann in Hannover. Derart beeindruckend und toll – das sollte auch sein Weg werden! Ich will wissen, ob es einen Unterschied macht, Kinder oder Alte zu sezieren. „Nein!“ Leiser Protest in mir, weil doch das eine Menschenwesen kaum nach vorn schauen durfte, während das andere bereits zurück blicken konnte.“ Ob er sehen kann, wann eine Seele den Körper verlassen hat? Oh je, zurück mit meiner Frage! - „Seele? Ein Begriff, den die Religion erschaffen hat. Ich glaube nicht an Seele, es gibt nur DNA! Ich glaube, was ich sehen und beweisen kann. Charakter, Persönlichkeit, ja – aber Seele?“

 

Püschel ist viel, aber vor allem sei er Überzeugungstäter! Seine Interessensbereiche sind profund, doch besonders Historisches wird bei ihm lebendig: der Schädel vom Störtebeker z.B.. Ich denke an die „Körperwelten“ vom Hagens – natürlich sind die beiden Freunde!
Jetzt will ich die Kellerräume des "Grauens" sehen! Viele Meter legen wir zurück, Trepp auf, Trepp ab, vorbei am Giftlabor und an menschenvollen Räumen. Der Prof spricht mir von seinem Lernen durch die Unterdrückten und von weiteren Schattenseiten des Lebens. Und dass dank seiner Untersuchungsergebnisse und Beobachtungen gesellschaftlich-soziale Veränderungen möglich seien. - Bis zu 120 Verstorbene können hier unten bis max. 4 Tage „ruhen“. Er öffnet eine Kühltür, ich sehe blaue Füße und rieche die Fäulnis, die meine Nase rümpfen lässt.  

 

Tod und Verwesung, und ich mitten drin. Kurze Berichte, u.a. über ein Opfer mit Zigarettenstummeln und Kronkorken in der Scheide. Mein ganzer Unterleid drückt sich zusammen. Ich werde heute Nacht vielleicht kaum schlafen können, weil die exhuminierten Gebeine und Schädel, die mir zum Greifen nahe waren, meinem inneren Auge nicht weichen wollen! Mir! Ich! Ein Körper ohne Seele?

 

Zuhause suche ich als erstes meinen Organspendeausweis, auf den mich der Prof noch einmal eindringlich hingewiesen hatte. Ich hatte ihn noch gefragt, wer ihn einmal obduzieren dürfte. „Entscheidet sich noch! Aber das wenige, das von mir übrig bleibt, wird ohnehin verbrannt!“ Ob es berührt, wenn man seine Freunde eines Tages obduzieren muss? „Das sei sogar ihr Wunsch!“

 

Vielen Dank für diese Begegnung. Für den Blick dahinter. Ich wünsche Klaus Püschel die nötigen Gelder für sein Projekt bei bahnbrechenden Fortschritten in der Rechtsmedizin. Leider hörte ich heraus, dass die Politik sein Projekt nicht gerade vorantreiben wird! Erklärungen finden sich immer welche. Aber einer wie er wird sein Ziel auch auf eigene Faust erreichen!
P.S: Tragt ihr euren Organspendeausweis mit euch? Mir ist die Tragweite des Tragens wieder mal bewusst geworden. Wenn ich sterbe, könnte ein anderer dafür weiterleben. Geil!