7.7.18, "Die Promiflüsterin"

 

„Für mich nur Tee! Und nö, keine Croissants!“ - ich biete Müsli, Kekse, Obst an.... irgendwas werd ich ihr schon kredenzen können, denke ich, bevor ich noch schnell über ihr Instagramprofil hüpfe. Wie zart sie wirkt – ich fühle mich schon jetzt wie eine Amazone!

 

10 Minuten später schaut sie sich in meiner Wohnung um. Nimmt Platz. Heute heißt es „Seitenwechsel“. Sie, die in der Großstadt Hamburg keine Unbekannte ist. Schon längst nicht mehr, und erst recht nicht bei der Prominenz, mit der sie in der Regel auf Bussi-Bussi ist. Die zarte, kleine große Frau, die sonst als Chefreporterin die Fragen stellt - heute kriegt sie selbst welche serviert.

 

Schon nach wenigen Sätzen steht fest: Vertrauen ist alles! Immer wieder lege ich den Stift zur Seite, noch bevor sie mich bitten muss, dies & das nicht aufzuschreiben. Ehrensache! Und so wechsle ich von meiner Rolle  als Bloggerin zur "von Frau zu Frau", auch wenn ich spüre, dass es etwas länger braucht, sie greifen, erfahren, öffnen und entdecken zu können. Die Frau hinter der Kamera, die Frau vor den Promis. Die Frau der Worte in Magazinen und Zeitungen. Noch ahne ich nicht, welche Dosen Emotionalität noch folgen.

 

Geboren am 12. Oktober 1974 – 5 Tage, nachdem auch meine Schwester auf die Welt gekommen ist. Sie, eine ebenfalls waschechte Hamburgerin und ebenfalls große Schwester, wenn auch erst viele Jahre später. Tochter zweier Pädagogen, aufgewachsen mit revolutionären Ansätzen von Antiautorität, politischer Haltung, Spiegel & Stern statt Barbie-Puppen, aber vor allem mit der Förderung, sich eine Meinung zu bilden und seine Stimme zu erheben. Krass, weil es bei MIR zuhause immer nur hieß: „Wenn Erwachsene sich unterhalten, haben Kinder zu schweigen!“

 

Rikes Eltern trennen sich früh. „Aber beide waren weiterhin und immer für mich da, was sich bis heute nicht geändert hat! Und ich fand‘s cool, das Pendeln von einem Zuhause ins andere.“

 

Den ersten Grundstock wird die neue Partnerin des Vaters legen, angestellt bei Gruner & Jahr. Welch absolutes Highlight für Klein-Rike, nach der Schule im Eilschritt zum Verlag, sich ins dortige Archiv einschleusen lassen - stöbern, sortieren, entdecken. Und wenn's danach in die Betriebs-Kantine ging, dann habe sie das kulinarische Eden betreten! Spätestens jetzt träumt sie ihr Ziel: „Wenn ich mal groß bin, will ich auch hier sein und so was machen!“

 

Schafft sie auch: Traumjob Journalistin - wenn auch auf Umwegen!

 

In jungen Jahren bereits die Schreibfeder gespitzt, doch nur nach Angaben, nicht aus freien Stücken und sich selbst heraus. „So 'ne Tagebuch-Type war ich nie. Soll schließlich auch von anderen gelesen werden!“, lacht sie. Sie lacht! Ich mag sie lachen sehen. Es ist das erste Mal, seitdem sie Platz genommen hat. Ich find das schön, doch sag ich dir das nicht.

Ihr Abitur packt sie mit links, findet sogar Mathe geiler noch als Kreuzworträtsellösen. Auf Anraten ihres Vaters, der meinte, sie solle studieren, sonst würde nichts aus ihr..... Sie schüttelt den Kopf. …kommt alles ganz schön anders! Wissendurst, Neugierde und Zielstrebigkeit werden sie nicht in Hörsäle kriegen, sie hat das Werkzeug für was anderes!

 

„Ich wollte nicht studieren, nicht etwas lernen müssen, um endlich irgendwann mal was zu sein! Mein Ansporn war es, jetzt (!) zu handeln und auch umzusetzen – und vor allem mit Spaß, nicht mit mehr Druck als dem, den ich mir selbst schon mache! Ich war von kleinauf wie ein Schwamm, der alles aufsaugte, war eine Fragende auf der Suche nach Antworten.“

 

Kurz oute ich mich, werfe ein, dass ich selbst weder Abi machte noch Mathematik jemals auch nur im Ansatz verständlich fand. Soll Rike ruhig wissen, mit wem sie's hier (nicht) zu tun hat! ;-)

 

Rike legt 'ne verkürzte kaufmännische Lehre (Textil) hin, doch wird sie ab jetzt den richtigen Menschen und Türöffnern begegnen, u.a. DAVID BAUM, den sie als begnadeten Autor, Journalisten und tollen Freund beschreibt. Von ihm habe sie, nachdem er die Hamburger Mopo verließ, die „Party-Szene“-Seite geerbt. „Mein erster Artikel mit gerade mal 40 Zeilen war ein Krampf - nach sechs (!) Stunden war ich fertig!“ Das Ergebnis gefiel, sie durfte Wochenende für Wochenende wiederkommen, später sogar täglich – und dafür verließ sie eine Promotion-Agentur, bei der sie für einen Zigaretten-Giganten Sponsoring-Etats verteilte. „Werbung für ein Produkt, das ich nicht mag, zu machen und Geld für die Sucht anderer rauszuballern, das hatte mich ohnehin abgeturnt!“

 

Später wechselt sie zu Axel Springer, wo man ihr mit 23 Jahren - ohne Studium und Volontariat in der Tasche - den ersten festen Redakteursvertrag anbietet. Sie schreibt für Magazine und Zeitschriften, landet aber thematisch immer wieder in der Boulevard-Schiene.

Ihr erstes Promi-Interview?

„Mit DJ Sven Väth, der damals ziemlich verstrahlt wirkte....“ Sie spricht ihn auf das Thema Drogen an und er weicht nicht mal aus. - Und ihre eigenen Erfahrungen mit Kiffen, Koksen & Co? NULL! Nicht einmal ein Tröpfchen Alkohol. Außergewöhnlich für eine, die jahrelang in der Hamburger (Nacht)szene unterwegs ist. Tatsächlich aber betrachte sie ganz nüchtern das Geschehen um sie rum!

 

Anno 2018. Journalistin Rike Schulz – eine kleine Legende mit nur 43 Jahren! Hamburg hat Klatsch – und der Klatsch hat Rike Schulz. Doch nicht an der Oberfläche, lieber in der Tiefe und der Wahrheit verpflichtet. Eine, die mehr weiß - weil sie nicht nur mehr wissen will, sondern erst recht auch hinterfragt. So spricht sie mit Schauspielgrößen über den Holocaust und saugt den Inhalt nur so auf! Man vertraut ihr (an) und gewährt ihr Einblicke, die man nicht so einfach auf der Zunge trägt. Empathie, Vertrauenswürdigkeit, Achtsamkeit und Fairness sind ihre richtigen und wichtigsten Türöffner.

 

Weil KLATSCH jedoch noch immer negativ belegt ist, schreibt sie mit DR. BETTINA HENNIG ein Sachbuch (Basiswissen für die Medienpraxis, Herbert von Harlem Verlag)

CUT! Jetzt wird es emotional. Denn dieses Buch schrieb sie, als .....

„Du darfst über meine Krebserkrankung schreiben!“, lächelt sie. Die, der es so wichtig ist, Privates auch privat zu halten. Ohnehin eher zurückhaltend in ihrem Auftreten, überlasse sie den Vordergrund, die erste Reihe, lieber ihren Gesprächspartnern. Doch ihre Schickalszeit, ihr Kampf – ein Mutmach-Thema, über das sie gut sprechen kann. „ICH habe überlebt, was manche Ärzte für nahezu unmöglich hielten!“

 

Ich habe eine Gänsehaut, weil ihre Stimme plötzlich weicher wird. Wenn ich auch niemals rechnen konnte – hören umso mehr und sehr genau. Und erst recht bei Schicksalen.

Rike habe sich immer schlapper gefühlt, doch waren bereits wertvolle Wochen bis zur finalen Diagnose verstrichen. Dann das „Urteil“: Gallenblasenkarzinom! Auf die erste OP folgt direkt schon die nächste.

 

„Angst wäre ein zu schwacher Begriff für das, was man spürt - es ist eine existenzielle Verzweiflung, von der man meint, sie kaum aushalten zu können!“ Die 162-Zentimeter-Frau begehrt auf! Sie will leben! Ihr Tod hat nun verdammt noch mal zu warten! „ICH bin noch nicht soweit... und wenn ich für meine Heilung bis nach Timbuktu reisen müsste!“

 

Einigen Ärzten des UKE dankt sie bis heute für deren Engagement, Menschlichkeit und unermüdlichem Einsatz. Strahlentherapie und Chemo - ein harter Weg, ein harter Kampf über Monate, in denen sie sich vor Schwäche zeitweise kaum auf den Beinen halten kann, auch an Gewicht verliert, doch niemals ihren Glauben an ein Überleben! Die Nebenwirkungen sind echt brutal: „Schon mal was von Chemo-Demenz gehört?“ Ich hab' sofort 'ne Gänsehaut.  „Nur die Übliche mit 49!“ kontere ich, bevor wir weiter durch ihre schwerste Zeit reisen. Donnerstags bekam sie ihren Medikamenten-Cocktail intravenös, einen Tag später schon so eine Art Vakuum im Kopf, das über Tage anhielt. Und doch schreibt sie noch dieses Buch mit der Kollegin, brauchte einfach nur viel länger als gewohnt dafür. Sie müht sich wirklich ab, doch sitzt sie oft genug auch weinend vor dem Laptop.... auf dass dieser Krebs-Albtraum bitte endlich ein Ende hat!

 

Jeder Mensch braucht Kraftquellen, und sie kennt ihre genau: die Lieblingsmenschen um sie rum, vorneweg natürlich ihre Eltern.

Dann wird Rikes Stimme leiser. Wie gern ich über meinen Tisch springen und sie mal eben drücken will! In ihren Augen spiegelt sich eine unglaubliche Weichheit, die ihr - obgleich des harten Themas – wirklich schmeichelt.

 

Heute ist sie geheilt. SIE LEBT! Sitzt hier an meinem Tisch - und ist extrem gefragt. Alle paar Minuten klingelt hier ihr Telefon. Sie wimmelt alle ab und sagt, sie sitze in 'nem wichtigen Termin. ICH bin ihr Termin!

 

Kurz vorm Ende will ich noch von ihrem Glauben hören.

„Vielleicht hätte es mir gutgetan. Damals. Doch wuchs ich nicht auf mit dem Glauben an Gott oder höhere Mächte. Aber es gab Momente, in denen ich mir wünschte, dass es Spirituelles gibt – für mehr Halt, Sicherheit und Orientierung. So fand ich es besonders schön, dass eine Freundin allabendlich für mich eine Kerze in ihr Fenster gestellt hat, oder andere für mich gebetet haben. Woran ich glaubte? Dass die wundervollen Menschen um mich rum mich tragen, wenn ich verzweifelt bin, ich nicht mehr kann, oder die Angst vor dem Tod zu übermächtig wird!“

 

Rike hält inne, als ich frage, was sie von der schweren Zeit gelernt habe.

„Ich bin klarer und schneller bei Entscheidungen, und ich denke in Lebenszeit – die soll schön sein! Ich lebe noch intensiver als zuvor!"

 

So zart sie auch wirkt - man hat schnell das Gefühl, dass niemand sie beschützen muss. Sie kann das ganz allein, egal wie weich und feminin sie dabei wirkt und man sie eigentlich nur hochheben und drücken möchte.

 

Time is over.

Das war schön. Und besonders diese Nuancen, diese schnellen Geheimnisse zwischen dem, was ich aufschreiben durfte und dem, was sie mir im Vertrauen sagte; oder sie mir zeigte – ein Foto ihrer Privaträume. Nächstes Mal treffe ich sie gern bei ihrem Stammlokal (Brüdigams), teile einen Mittagstisch mit ihr oder fahre mit ihr eine Runde Porsche? (hihi, sie wollte nicht, dass ich die Marke schreibe, weil sie nicht protzen will. Ich nehme das hier jetzt auf meine Kappe, denn Frauen hinterm Porsche-Lenkrad find' ich wirklich sexy!)