18.12.19

 

Ich sitze in einem wohnlich-gemütlichen Pflegeheim im Süden von Hamburg.

Eine liebe Bekannte hatte mir seit Monaten bereits ans Herz gelegt, UNBEDINGT dieses soooo süüüüüße alte Pärchen zu treffen. In ihrem Schwärmen war sie kaum zu bremsen.

 

Das süße Paar sitzt bereits vor uns im Café. Adrett gekleidet. Zur Begrüßung gibt es ein herzliches Lächeln über beide Ohren. Im Nu bin ich verliebt!

 

Ein Interview war nicht geplant, doch die Begegnung möchte ich trotzdem einmal festhalten.

 

Während ich frage, ich lausche, ich lache - beobachte ich, wie sich die Hände dieser alten Menschen unentwegt berühren. Sie nacheinander suchen. Sie nach Vertrautheit greifen. Sie sich gewohnten Halt geben. Die Hände – wie eine Nabelschnur zum anderen, durch die die Energie von 65 Jahren Ehe fließt.

 

„Conni! Wir führen eine Liebes-Ehe!“

„Waltraud, das ist wohl nicht zu übersehen, und nicht zu überspüren! Keine Zweifel!“

 

Dann mischt auch er sich ein:

„Ich habe ihr von Anfang an Honig um den Bart geschmiert. Ich wusste nicht mal, dass es so viel davon gibt! Bis ich ihr irgendwann 'ne Biene schenkte – von da an übernahm sie die Sache mit dem Honig selbst!“

Während sie sich kringelig lacht, zupft sie an ihm herum. Immer wieder will sie seine Handstellung korrigieren. Der 8. Versuch schlägt endlich fehl: „Nu lass mal eben, ne?“ Aber sie lachen schon wieder!

Und ich lache mit.

 

„Conni! Sie haben ein schönes Gesicht, das lacht. Ein schönes Lachgesicht haben Sie!“

Ich glaub', ich werde rot.

 

Über sie erfahre ich von ihrer Demenz. Über ihn weiß ich, dass er an Krebs erkrankt ist. Gepflegt sieht er aus, wie er sich den roten Pullover zurecht zupft. Es sprudelt nur so voller Lebensgeschichten, die alle noch erzählt zu scheinen wollen.

Im Hintergrund beginnt eine Reinigungsfrau den Boden mit einer Maschine zu wischen. Ich lese ihm nun von den Lippen ab. Bin 100 Ohren, die immer größer werden.

 

Sie nennt ihn „Pimpi“, er sie „Meppel.“

Pimpi und Meppel sind eins. Eine Einheit. Die jeweils 1. große Liebe des anderen. Aus ihr gingen 2 Kinder hervor. 3 Enkel und 3 Urenkel folgten.

 

Er lacht sie an: „Nun ja, wegen der Kinder, Meppel, da hab ich dir noch nicht alles erzählt!“

Sie lacht. Ich lache wieder mit, weil ich nicht anders kann.

Sobald sie nacheinander greifen, sich ihre Hände gefunden haben, erblüht mein Herz.

 

Jeden Tag besucht er sie. Jeden Tag führt er sie ins Cafe, denn hier ist ihr Zuhause. Seins ist noch das Haus, in dem sie all die Jahre glücklich waren. Wenn sie nicht gerade mit dem Wohnwagen on tour waren.

 

Ob sie sich noch viel erzählen, sich überhaupt noch was zu sagen haben...

Er grinst sie an: „Nun ja, wenn's sein muss!“

Sie versteht seinen Humor. Humor hat die beiden immer verbunden. Lachen scheint noch immer ihre Medizin.

 

Ich möchte noch was von den 'Macken' des anderen wissen.

Fast gleichzeitig sagen sie:

„Die akzeptiert man!“

Dann schickt sie leise hinterher: „ER hat natürlich immer Recht!“

 

Von ihm behalte ich noch diesen Satz:

„In schweren Zeiten hat man wohl die Wahl: Lachen oder Heulen? Ich habe mich immer fürs Lachen entschieden!“

 

Meine letzte Frage an die beiden lautet: 

„Was würden Sie zu gern noch einmal erleben?“

„ALLES!“

Sie streichelt seine Wange. So liebevoll, so zärtlich, so....

„Er ist der liebste Mann der Welt!“

Und dann....

"Conni! Sie müssen noch mal wieder kommen!"

"Ja! Das verspreche ich!"

 

Kurz vorm Abschied erfahre ich, dass beide meine Großeltern kannten, denen in Harburg das 'Heitmanns Höh' gehörte.

Er lacht schon wieder, sagt nur: 

"Wir Jungs haben uns, wenn die Küche (von meiner Omi) nicht besetzt war, herein in den Tanzsaal geschmuggelt!" :-)))

 

Am Auto nehme ich meine Bekannte in den Arm und sage leise: "DANKE!"