Es gibt Gesichter, die sich deinem Blick nicht entziehen können. So wie jenes, das mir eben nahe war. Ein Gesicht wie gemeißelt, und als Wesen ein GesamtKUNSTwerk.

Sandra, Sanni. 43 Jahre Mensch sitzen vor mir, wir teilen eine Pizza Hawaii, während mein Blick die vielen Tattoos fixieren. Kaum ein Fleckchen Haut natur blieb ungestochen. Sanni erzählt ihre Geschichte. Sanni, der ich vor 6 Jahren schon einmal begegnet war, als sie in Bluse, Leinenhose, Blazer und Brille vor mir saß. Damals frisch getrennt und unendlich traurig. Ihre Odysee ist eine, die du eigentlich nicht hören willst, weil sie die blanke Konfrontation mit einer Welt fernab von deiner ist. 
Scheidungskind mit 19. Eine Tatsache, die ihre Vorstellung von „heiler Familie“ über Bord geworfen hatte. Hauptschule, abgeschlossene Lehre als Restaurantfachfrau, wechselnde Jobs in Modeläden. 6 Jahre Beziehung mit dem einen, 14 Jahre mit dem anderen – mit dem sie weder Schmerz noch Chaos ausgelassen habe. Hier wird sie zur Anarchistin, beschließt Revolte, erträgt den materiellen Wahnsinn um sie herum nicht mehr, zuwider sind ihr selbst die Geschenke des Vaters, der den Mangel an gemeinsamer Zeit stets mit Konsum ausgleichen will. Irgendwann und endlich erhebt sie ihre Stimme und wird laut: „Ich will keine Geschenke! Ich will Liebe!“
Statt Liebe im Privaten gibt es Rausch und Extreme. Extrem kiffen, extrem Pillen einwerfen, extrem koksen - natürlich nur am Wochenende. Bis sie immer länger braucht, um sich von all den Trips wieder erholen zu können und sich ein Stück zu erden, für die Tage in der Woche. Halluzinationen und Depressionen ziehen sich als roter Faden durch ihr Leben, auch Therapien und wiederholte Einweisungen in die Geschlossene. Die Trennung von Haus und Partner folgen on top und die Scheiße ist perfekt. Sie bricht aus, häutet das einst graue Mäuschen, will sich so gern etwas Fröhlichkeit und Lebenswillen bewahren. Die Verlobung mit einem Ex-Knacki (verpackt in eine ach so rührende Geschichte) und Tattoowierer gibt ihr Halt. Sie liebt und lebt mit ihrem Mann drei Jahre lang in einer 2-Zimmer-Bude, besser: 1 Zimmer, denn das 2. war sein Kunden-Studio.

Sanny wird schwanger. Erst verliert sie ihr Baby, später die Beziehung, dann wird ihr der Spagat zu viel. Nicht selten ganze drei Tage ohne Schaf, wird sie erneut  eingewiesen. Tabletten als Nahrungsergänzung für eine kranke Seele. Böse Nebenwirkung: lebenslängliche Einnahme! Diagnose: bipolar-manisch-depressive Störungen als ständige Begleiter! Suizidversuche folgen, weil keine Alternative das Mysterium scheinbar beenden kann. „Die Schmerzen sollten für immer aufhören!“ Kurze Dekaden in „normalen Bahnen“ holen sie zwar immer wieder aus dem Loch, und Jobs ermöglichen ihr Kredite - doch der Kaufrausch setzt ein! Was folgen musste? Insolvenz!

Wo einst nur Arschgeweih war, reiht sich Zentimeter weiter Bild an Bild, das sich nicht mehr verdrängen lässt: „Ich möchte eines Tages kein Stück blanke Haut mehr von mir sehen!“ Ein langer Weg, bis hoch zum Hals, begonnen bei den Füßen und den Händen. „Meine Überzahl an Sommersprossen habe ich gehasst!“ Schon einige Stecher haben sich auf ihrer Haut verewigt, ihr Körpergefühl wird ein anderes, ein besseres, sogar zum Werkzeug in der Not.
 
Als das Sparschwein immer leerer wird, tauscht sie Körper gegen Kohle, fast zwei Jahre lang, dann ist sie clean, selbst von den Joints. Nie wieder will sie das Fähnchen im Wind sein. Sie will Kunst sein und Kunst tragen! Sie will ihre kreative Ader (malen) wiederbeleben. Sie will ihr Leben zeigen, ihre Stationen, obwohl es wenige glückliche sind. Doch sie schaut drauf und erhebt den mahnenden Zeigefinger! „Nie wieder!“
43 Jahre Menschsein, inklusive sexueller Mißhandlungen und früher Abschiede für immer. Vom Onkel, der mit 30 sein Leben verliert (Drogen), und vom Opa, der sich nach folgenschwerem Unfall mit Tabletten umbringt. Und da sind die Ängste ihrer Mutter, der sie seit knapp 8 Jahren nicht mehr begegnet ist.
 
Sanny lächelt, spricht derart zart, dass man ihr mehr als nur ganz Ohr sein will. Schmerzen, Einsamkeit und Depressionen. Glück? „Ja! Ich muss nur an der Nordsee sitzen oder frische Blumen riechen!“ Wenn sie zaubern könnte? Würde sie in Spanien leben, sie würde so gern wieder tanzen, will ein Leben an der Seite eines Mannes, der tattowiert, ein Visionär und Freigeist ist, mit ganz viel Herz und Wissen. Mit der Erfahrung, wie man schweben kann, und der Erkenntnis, wie man wieder landen und mit beiden Beinen auf der Erde stehen kann!

Sanni – die Suchende, die Leidende, die Frohnatur. Sie hat gelitten und erfahren, zu Kreuze will sie nie mehr gehen. „Nur der Tod meiner Eltern wird mir eines Tages erneut den Boden unter den Füßen wegreißen, davor habe ich Angst!“

 

Die Zeit ist um, wir drehen eine letzte Runde um das letzte Stück Hawaii. Ich muss sie ganz doll drücken, für den Vorhang, den sie nur für mich heut' ganz zur Seite schob. Ich saß allein im Publikum und sah ein Stück vom „Mitten aus dem Leben“, 1. Akt. Ich wünsche mir ein großes Happy End für sie! Und weil jeder mit jedem verbunden ist, ist ihre Geschichte nicht nur für heute auch ein bisschen meine. Wenn ich sie wieder sehe – werde ich sie dann erkennen? Welche Geschichten wird jemand ihr noch in die Haut stechen? Mögen es zur Abwechslung mal völlig neue Extreme sein: extrem schöne. Extrem glückliche. Extrem heitere und gesunde.

 

Hier und heute keine Homepage. Heute war Mensch. Keine Werbung. Kein Job. Könnte aber folgen, denn Sanni umgibt sich wieder mit Stoff - sie berät seit Kurzem in einem kleinen Stoff-Laden Kunden, die sich ihre Kleider selbst nähen möchten.....ein schöner Anfang oder Stoff, aus dem noch Träume sind?