(16.7.20)

 

11 Uhr Hundewiese am Cliff. Nach Internetrecherchen erwartete ich einen Hünen, der so hoch wie breit sein müsste: mindestens gefühlte 2,20m.

Ich hatte extra meine Schuhe mit Absatz entstaubt und war ihm dann über die Wiese entgegen gestöckelt, während ich mit jedem Schritt ein Loch in den Boden bohrte. Er hatte Sonne und auch seine Lady mitgebracht – eine Hündin, die ihn voll im Griff zu haben schien. Typisch für 'Brecher' wie Jan, deren Schwachstellen Töchter und Hündinnen seien.

Ich hatte mich verschätzt, denn am Ende war er doch 'nur' 2 Meter. Aber volle Granate entspannt und freundlich, mit Augen so blau wie der Himmel über uns. Mit bemalten Armen, wie es sich für Arme von diesem Kaliber irgendwie gehört.

 

JAN KARRAS – Hamburger Institution in gewissen Kreisen. In vielen Kreisen! Ein Mann, der Geschichten erzählen kann, mit denen er noch seine Enkel um den Schlaf bringen wird.

 

„Schreib, was du willst.... mein Ruf ist ohnehin ruiniert!“

Okay, ein erster Brüller zum Warmwerden!

„Wer das Konterfei von Che Guevara und damit meine Initialen in seine Haut gestochen hat, kann kein Schlechter sein“, beruhige ich ihn. (Anm. CHE: Constanze Hildegard Elisabeth)

 

*24. Mai '65 (ein Zwilling wie ich!) in Bad Segeberg, Ältester von drei Geschwistern. Perfektes Elternhaus, geile Kindheit trotz 'gesunder Härte' des Vaters (Offizier - 'Jungs weinen nicht und kriegen ihren Gutenachtkuss höchstens von der Mama'; politisch aber eher links). Die Schule fällt Jan leicht, das Abi ebenso.

In ihm schlägt ein Sportlerherz: Judo, Karate, Schwimmen. Eher zufällig rutscht er in die Leichtathletik, kommt ins Trainingslager, ist dem Bundestrainer unterstellt, schlägt sogar Carlo Thränhardt; er wird Hochsprung-Meister und hat mit 17 bereits Adidas als Sponsor! Mit 19 dann der Schicksalsschlag: sein Vater (40) wird bei einem Unfall im Wagen eingeklemmt und... verbrennt. 

 

Jan versucht sich am Studium der Rechtswissenschaften, bricht wieder ab und bekommt die Zusage für Plan B: Meereszoologie! Doch antreten wird er nicht, denn der BUND ruft! Und danach... das Kickboxen. Er wird Bulle und verzichtet schweren Herzens auf seinen Traum von der Ausbildung zum Kampfschwimmer bei der Marine.

 

5 Jahre lebt er noch in Bella Italia, verdient viel Geld mit dem Verleih von Jetskis. Und im Winter? Malocht er in einer Hafenkneipe, wo er alle Rollen auf einmal bedient: Kellner, Koch und Wachmann! Seine Taschen sind voller Geld – durch (Meister)Siege beim 'Toastbrot-Wetten' und Armdrücken. Er geht zum Bau, bewacht diverse Türen und gelangt zum Personenschutz ('Senor Rossi').

Als seine Mutter ihn vermisst, folgt er dem Ruf seiner Heimat und bewirbt sich in mehreren Bundesländern als Bulle und darf sich aus aus mehreren Zusagen was aussuchen. Er will SH! Nach knapp drei Jahren - Jan ist noch 'Bulle auf Probezeit' - folgt die Suspendierung (sorry, die Geschichte dahinter würde ein ganzes Buch füllen).

 

Jan spricht aus, haut Anekdoten raus, als hätte ihn schon länger keiner mehr zum Interview gebeten. Ich bin ein bisschen stolz, dass ich noch immer so schnell schreiben kann wie ein anderer sprechen. 

Nächste Station: Sonderkommission! Schlaf? Null! Die Konten voller Kohle, doch keine Zeit, sie auszugeben. Sein Zuhause ist noch immer eine 1-Zimmer-Bude mit seiner Hündin, die irgendwann sogar noch 13 Welpen kriegt... endlich platzt die WG aus allen Nähten!

 

Jans Vita klingt wie ein Geschichtsbuch, FSK 18. Für einen Moment verliere ich sein Tempo und beginne, zu stenografieren. Ich fasse zusammen:

Als ein lukratives Angebot einer Sicherheitsfirma winkt, steigt er aus und geht nach Surinam (Lateinamerika), gefolgt vom Libanon. Als er endlich wieder Heimatboden betritt, heiratet er, wird Papa mit 30 und.... ist irgendwann geschieden. Drei Jahre ist er sogar allein erziehend, erfährt aber viel Unterstützung von der Großmutter.

„Diese Zeit war die schönste in meinem Leben! Reisen und Kohle wie Sand am Meer und meine Kleine, die so fröhlich, frech und mutig war, warum es leicht war, mit ihr Abenteuer zu erleben!“

Jan kommt ins Schwärmen – und ich als Mutter gleich mit.

„Sie ist das Wichtigste in meinem Leben! Was immer meine Tochter tut, das tut sie gut. Ich lerne heute eher von IHR – erst recht in Sachen Ernährung! Wir haben einen TopJob gemacht!“

 

Jan gehörte auch zu einer Gang, doch als die 'RotWeißen' (Hells Angels) ihn anheuern wollen, lehnt er ab. Er will sich keiner Vereinigung anzuschließen, außerdem besaß er nicht mal einen Motorrad-Lappen... „Natürlich fuhr ich trotzdem!“ lacht er.

Dann der Wechsel nach Berlin, als eine Produktionsfirma ihn für eine Boy-Group engagiert. Er tourt mit den Jungs um den Globus, hat ein Topgehalt, wacht täglich in 5****-Hotels auf und speist wie ein Fürst. Anstrengend wird es, als er mehr Pädagoge als Personenschützer ist. "Ich bin sogar in Schlägereien geraten und habe einen k.o.-Schlag ausgeteilt!"

 

Nächste Station: Japan! Jetzt kommen auch seine Tattoos zur Sprache, was in Japan voll verpönt und nur durch Kontakte in den Untergrund ermöglicht wurden. Ohne Absprache (üblich!) wird ihm  ein Königsdrache in die Brust 'gehämmert' (nicht gestochen) - sich betäuben durfte er zuvor mit Wodka, was das Blut jedoch nur noch mehr spritzen ließ.

2007: erste Midlifecrisis. Auf nach Afghanistan, einer inneren Faszination folgen. 3 Jahre lang. Noch heute erinnern ihn Flashbacks an diese Zeit - dann wacht er schweißgebadet auf.

Irgendwann macht er den Waffenschein und steht vor dem 1. Waffen-Deal seines Lebens, der... komplett in die Hose geht und damit endet, dass er mit Patronen in der Tasche und blutverschmiert am Flughafen steht. Bei der Kontrolle gibt er – nach überzeugenden Erklärungen und mithilfe seines Partners – lediglich die Patronen ab, bevor er sich kurze Zeit später auf der der Bordtoilette das Blut von der Haut wäscht.

 

Begriffe wie 'Delta Force' und 'Blackwater' fallen. 

In Kabul sei er noch ein Greenhorn gewesen, als er sich im Hotel 'Serena' die tonnenschwere Komplettmontur überwarf, samt Wassertank am Rücken! In der Lobby wird er von Kollegen regelrecht ausgelacht... DIE hatten lässig ihre Werkzeuge unter WEIßEN HEMDEN verborgen.

„Ich stand vor denen, als hätte ich einen Krieg auch allein gewinnen können!“

Jan spricht von einem Feuergefecht, in das er mit seinem Konvoi geraten sei; spricht vom Schießen aus dem Panzerwagen raus. Ohne Sicht und kaum Atem, während die Verständigung über 'Kehlkopfmikrofone' stattfand.

 

Jan Karras.... ziemlich dickfellig sei er geworden, doch auch entspannter, richtig harmoniesüchtig. Aggressionen jeglicher Art bleiben heute Zeichen von Schwäche.

Er erinnert sich, wie er zurück in Deutschland beim Elternabend mit anhören musste, ob einheitliche Brotdosen nicht besser seien, um niemand zu benachteiligen! What a fuck!

Ab da gab's einen neuen Arbeitsrhytmus: 3 Monate Einsatz : 1 Monat Pause. Manchmal kommen noch über Söldnerforen Auftragsanfragen. 

 

Die Narben auf seinem Körper sprechen für sich. Selbst Arztbesuche ersetzte er, griff lieber eigens zur Spitze, um morgens schnell wieder trainieren zu können (nach einem Sportunfall). Irgendwann ging gar nichts mehr und Jans Arzt bringt die Vernunft: "OP oder Querschnittslähmung!"

 

Jetzt kommt Til Schweiger ins Spiel: Jan ist der persönliche Bodyguard, dann ein echter Freund. Der Große schwärmt für diesen 'kleinen Mann'. Als die Flüchtlingspolitik auf Schweigers FB-Kanal breit getreten wird, kommt es zu Anfeindungen, folgen Drohungen perversester Art gegen die Kinder und bekommen alle einen Rundumschutz!

Die rechtsradikale Szene sei eher schwach - gefährlicher als die Nazis sei die 'Antifa'!.

 

Karras sei noch lange nicht angekommen, weder beruflich noch privat! Aktuell hätte er die Chance, in Italien die Bar eines Freundes zu übernehmen. Er überlege noch. Ersparnisse aus alten Zeiten sind längst aufgebraucht und.... ohne CORONA ("Hat mir die Beine glatt rasiert!") hätte er schnell neue angehäuft. Vereinzelte Anfragen rund um Drohungen / Erpressungen in 'höheren' Kreisen liefen aber immer noch... Karras kennt man. Der hat sich rumgesprochen! 

 

Auf seinem Unterarm steht auf spanisch: „Sie können zwar alle Blumen abreißen, aber den Frühling können sie nicht vertreiben!“ / Und seinen Rücken ziert: „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten!“

 

Ich muss noch wissen, wie oft er dem Tod schon von der Klippe gesprungen...

"Als mir der Fön in die Wanne fiel / nach einem Biss von einer Viper / nach schlimmsten Fieberkrämpfen nach zu viel Morphium gegen Zahnschmerzen... immerhin wurde in der Nacht meine Tochter gezeugt!" 

 

Jan Karras. Ich scheiß' auf seinen ruinierten Ruf, was immer er wohl damit meinte. Und weil er mich einlud, wird er mir zusätzlich auch als Kavalier in Erinnerung bleiben!