Conni Köpp meets Michel Ruge.

Vorspann:

Schuld war nur die Bomberjacke. Meine Bomberjacke, mein Original von 1984! Er will sie unbedingt und ich kriege moralische wie unmoralische Angebote. Wer ist dieser Mann, der alle Register zieht, um mein verdammtes Stück Stoff mit zwei Ärmeln und Taschen zu erobern, in denen noch Kaugummi aus den 90ern klebt? Ich kloppe seinen Namen in die Suchmaschine, und schon macht es plopp, plopp, plopp....okay! Ich will ne Begegnung, will ein Portrait! Und dafür kann er meine Jacke auch die ganze Zeit am Körper tragen!

 

 Ich ging davon aus, dass einer wie er (scheiß-Wertung) nicht pünktlich kommt, doch 2 Minuten vor Termin steht er in bester Laune vor mir. So dicht, dass mir sein Duftwasser in der Nase kitzelt. Ich kenne diesen Duft noch nicht. - Nein, frühstücken würde er nie, ruft er mir zu, als ich gerade Brötchen in der Küche filetiere. Jaja,...10 Minuten später hat er mir geholfen, alle Scheibchen zu verdrücken!   

Michel – ich denke an den Lönneberger, doch der Ruge wird französisch ausgesprochen. Klingt mir fast zu elegant für einen wie ihn. Einer wie er... bloß die Schubladen wieder schließen! Am Ende ist es maßgeschneidert, weil es Kontraste in ihm spiegelt.... Stärke und .... ja, was eigentlich... ich finde es heraus. 

Ich werde ihm nicht sagen, dass ich seine Stimme mag, und dass sein Mund so .... sinnlich ist!  Das sagt frau nicht, wenn sie ein Interview mit jeMANNd führt. Das sagt man auch als Lady nicht. Man sagt am besten gar nichts, stellt einfach nur Fragen. Ich habe welche, doch Michel ist so eloquent, so offen und alles andere als gehemmt (verklemmt), dass ich den Fragenkatalog zerknüllen kann. Ein paar Mal richtet sogar er Fragen an mich, z.B.: „Conni, möchtest du die ganze Geschichte hören?“

Wie gern ich hören will, will inhalieren seine Geschichten, die mehr als nur 1 Leben füllen könnten. Und dabei ist er ein echt junger Spund - 6 Monate und 1 Tag  nach mir geboren. Er kann eben nicht immer der Schnellste sein! ;-)

 

*21.12.1969, HH-St. Pauli. Vater Zuhälter und 3-facher Bordellbesitzer. Mutter Kellnerin, sie ist 17, als Michel geboren wird. Ihr Zuhause ist das Heim in der berüchtigten Feuerbachstraße. Direkt nach der Geburt geht sie dorthin zurück und Michel kommt ins Kinderheim. Michel ist schon 1, als er und seine Mutter endlich zusammen wohnen: im Heizungskeller eines Stundenhotels, in dem die Großmutter arbeitet. Mit der Oma wird er nie Gespräche führen, „wir verstanden uns ausnahmslos non-verbal“. Im Kindergarten ist er der Liebling der Erzieherinnen, die ihn abwechselnd mit zu sich nach Hause nehmen. „War damals so! War eben Kiez! Alle für einen und einer für alle. Wir lebten in Hamburgs sozialstem Viertel.“ 

Ich denk mir neue Fragen aus, doch ständig überholt er mich mit einer nächsten Anekdote, und so verlieren wir ein paar Mal diesen roten Faden. Als Michel einen dringenden Anruf entgegen nehmen muss, bleibt er bei mir. Ich will nicht wirklich lauschen, doch im Grunde habe ich nichts Besseres zu tun. Es geht um Projekte und um Freundschaften; ich mag, was ich höre. Michel spricht laut. Doch wenn man eine schöne Stimme hat, kann einem das nur recht sein.

Seine Mutter heiratet, als Michel 13 ist. „Mein Stiefvater – Prädikat Arschloch!“ Der Kerl will seine Mutter schwängern, bis er endlich seinen ersehnten Sohn hat. Michel ist es nicht, und die Mutter bekommt stattdessen 5 Töchter. Gewalt und Brutalität sind nicht fremd, er ist ein Kind des Kiez, doch Ohnmacht kennt er, seit er seine Mutter („sie war zu schwach!“) vor den Pranken des Arschlochs nicht beschützen konnte. „Das mit anzusehen, ist tausendmal schlimmer, als selbst verdroschen zu werden!“

Er schwärmt mir vom Kiez und spricht von seinem Buch „Bordsteinkönig“, das ausgerechnet im selben Verlag wie meine Bücher erschien – KNAUR. „Hier seien sie alle zusammen gekommen, Künstler, Loser, Luden, Aussteiger und Nutten. Ein Handschlag war was wert, und steckte man Bedürftigen Geldscheine zu, schrieb man keine Schuldscheine aus. Doch kam der Zaster nicht freiwillig zurück, machte man vom Faustrecht Gebrauch. Wann er, der bekannte Kampfsportler und Boxer, selbst zuletzt ausgeteilt habe, will ich wissen. „Gerade erst letzte Woche!“ Mein Puls klettert bis zum Anschlag; Er führt mir weiter aus, doch das bleibt hier geheim, er hat mein Wort.

Echte Männer sind halt keine Muschis, denke ich und frage mich ernsthaft, warum ich es sexy finde, wenn Männer sich mit Ende 40 noch kloppen.

Die „bürgerliche Welt“, die hat er auch gekannt, das Eppendorf seines Schulfreundes, doch empfindet er hier alles so verdammt heuchlerisch. Gesehnt hatte er sich lediglich nach Struktur.

 

Und wenn wir schon beim Sehnen sind, so fröhlich, aufgeweckt, agil er sich auch gibt, ich kann sie sehen, diese Sehnsucht nach mehr, nach etwas, das ihn ausfüllt. Zwei Ehen hat er hinter sich, „ich lebte sogar Bigamie“, drei Kinder hat er – womit wir bei den Wunden wären, denn nur zu einer Tochter habe er Kontakt. - Ich höre seine Geschichten und es krampft mir das (Mutter)Herz. Ein Suchender sei er, seine längste Beziehung habe 3,5 Jahre gehalten. „Da kommt noch etwas Großes, das weiß ich genau!“

Ich bin mir sicher, doch auch, wie schwer es wird, dem Alltag keine Chance zu geben. Immer auf high level zu sein und stets über Mauern springen zu wollen, auf denen die meisten mit dem Arsch kleben bleiben.

Zukunftsvisionen habe er keine, er denkt am Morgen gerade mal bis Übermorgen, kann keinen verstehen, der heute schon Termine für die kommenden Wochen schreibt. „Das macht so unfrei!“

 

Zum Schluss wird’s etwas tabellarisch:

Michel als Junge? „Liebevoller Chaot!“

Michel als Mann? „Sehnsüchtig, schwärmerisch, melancholisch.“

Michel als Vater? „Ohnmächtig, flüchtig, traurig.“

Michel als Partner? „Absolut 180%, leidenschaftlich, enthusiastisch, streng. Ich hebe meine Frauen in den Himmel, doch wenn nach einem halben Jahr der Alltag...“

Kurz hält er inne, ich kann nur zustimmend nicken. Die Alltagsmaden, die am Gefühlsleder knabbern, ja, ich weiß, was er meint, auch wenn ich Manches anders sehe (als Frau).

 

Die Zeit, sie rast, ich brauche noch den Schnappschuss von uns beiden, ihn dabei in meiner Bomberjacke. Und dabei ist das Netz schon voll von ihm; kein Sender, der ihn nicht vor die Kamera holte, so dass wohl jeder weiß, dass er mit 12 auf dem Kiez seine Unschuld verlor und dass er schon als Junge gern um jedes Handgelenkt 'ne Rolex trug (Anm.: Juwelier WEMPE hatte sein 1. Geschäft auf dem Kiez.).  

Ich will nur eines noch von ihm wissen, Stichworte zu Schuljahren und Leidenschaften.

„Es gibt über 7 Mrd. Menschen mit Lebensentwürfen, von denen 99% nach kopierten Entwürfen leben! Ich kriege keine Luft in Gegenwart von Spießern! Gebt den jungen Leuten keine Lehre, gebt ihnen Leidenschaften und ein eigenes Konzept, das nicht kopierbar ist!“

 

Er macht es vor. Er, der auffällig faul in der Schule war, bis eine Wette mit dem besten Buddy die Wende nahm: „Lass uns die Besten werden!“ Wurden sie auch und bekamen eine Gymnasialempfehlung. Er macht sein Fachabi, studiert Grafik und macht weiter mit 4 Semestern in Wissenschaft und Politik. Ihn kann man nicht kopieren. Auch wenn ich denke, dass einer wie er beim Spazierengehen seine Nase hochzieht und mit Rotze den Asphalt schmiert, hat er etwas sehr Ästhetisches! Sehr Gerades! Sehr Ehrliches! Sehr Anziehendes! Ob man ihn wirklich ganz be-greifen kann? „Wenn du dich preisgibst, kann man das gegen dich verwenden. Nicht einmal eine Hand voll Menschen kennt mich wirklich!“ 

 

Wir machen endlich den Schnappschuss, reißen uns für unsere Termine wieder auseinander und …. er erobert mein Herz ganz kurz mal eben mit einer witzigen Projektidee, für die er mich im Einsatz sieht. Wer weiß, wer weiß..... was jetzt noch an mir klebt, ist dieser parfümierte Duft, den ich noch gar nicht kenne.  

Go, Michel, go! To Lönneberger oder bis zum Mond, du charismatisches Unikum!

 

P.S: Seine Standorte: Hamburg-Berlin-Hamburg. Er weiß genau, warum.

Er ist gerade weg und ich vergaß, warum er zum katholischen Glauben konvertierte...

 

Michel Interview ZDF