Der Mensch, der vor mir sitzt, ist mir nicht unbekannt. Und
doch ist er mir fremd. Dieses Portrait wäre nie entstanden, wenn nicht drei Worte mich an jenem Morgen per SMS erreicht hätten: „Ich bin abhängig.“
Bevor ich diesen Satz verdauen kann, ploppt schon der nächste auf. „Heroin und Alkohol. Ich fahre in die Klinik.“ Scheiße! Gut! Scheiße....“Soll ich kommen?“ / „Gern.

 

Ich melde dich als Journalistin an!“ / „Was soll ich dir mitbringen?“ / “LIEBE!“ / „Darf ich über dich schreiben?“ / „Das täte mir gut.“

An jenem Tage kommt das Treffen nicht zustande, Kalter Entzug muss Folter sein. Okay, wir schieben um 6 Tage.
Nun sitzen wir am See, weit weg von unserer Traumstadt Hamburg. Ich bringe Zeit und frische Törtchen mit – beides scheint mir wichtig. Seine Geschichte wird lang. Und am Ende wird es doch nur ein Bruchteil gewesen sein, weil man ja fünf Jahrzehnte nicht in ein paar Stunden pressen kann.

*5.7.65, in Solingen, aufgewachsen in Düsseldorf, jüngstes von drei Kindern, sozialer Mittelstand. Das Verhältnis zur Mutter ist gespalten, denn jede Frau, selbst die eigene Tochter und später die Schwiegertöchter, werden zum Feindbild ihrer selbst. Sie vernachlässigt die Kinder, ist viel unterwegs und gibt mehr Geld aus, als der Vater (Maurer) anschaffen kann. Eine harte Drogenszene herrscht im Viertel, die Schwester ist mit 14 schon auf Heroin, macht kurz darauf Entzug. Doch immer wieder haut sie ab, kehrt heim und bleibt doch wieder tagelang verschwunden. Mit 15 wird sie Mutter, das Baby wird zur Adoption frei gegeben.
Er selbst ist längst ein Schlüsselkind, und nicht nur selten muss er der Mutter bei Seitensprüngen als Alibi dienen. Als er in späteren Jahren mit seinem Vater für ein paar Tage unterwegs ist, räumt die Mutter in der Zwischenzeit die Bude leer und ist verschwunden. Sein großer Bruder lernt gerade bei der Polizei, kommt nur am Wochenende noch nach Hause. Aus Mitleid bleibt er an der Seite seines Vaters, und weil Schmerz zusammen schweißt.

Er macht seinen Realschulabschluss und will Schreiner werden, doch zu der Zeit gibt es keine freien Stellen. Notgedrungen fängt er eine Metzgerlehre an, doch kann er den Gestank nicht mehr ertragen und schmeißt hin. Er schult zum Gas- und Wasserinstallateur und hat auf der Arbeit ein Schlüsselerlebnis, das zum Wegweiser wird: er will unbedingt Bauleiter werden! Er macht sein Fach-Abi nach und studiert Versorgungstechnik. Er ist 25, als ihn ein Branchenriese einstellt.
Zuhause läuft es aus dem Ruder, denn dem Vater wird der Alkohol jetzt zum Verhängnis – sein Konsum zur Sucht. Aus freien Stücken sucht er eine Klinik auf und bleibt trocken bis zu seinem Tod.

1992 – das Leben ist die reinste Party - mit seinem besten Buddy und Mitbewohner wird 6 Tage / Woche gekifft, gekokst, werden Amphetamine geschluckt, wird Heroin geraucht. „Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Du testest, um zu erfahren, durch was du den alles kriegen kannst!“ Damals wurde auf dem Bau noch mehr gesoffen, niemand fiel das Doppelleben auf, es war perfekt getimed! Nach Heroin kam ich durch Koks am besten wieder runter.“
Ständig hat er seine Schwester vor Augen, doch redet sich schön, ihr jetzt nah zu sein, zu fühlen, was sie immer fühlt, wenn sie den Rausch erlebt. Mittlerweile hat die Schwester ihr drittes Kind bekommen, es wird zu früh geboren und kommt behindert auf die Welt. Doch bis zu ihrem Tode lebt sie eng mit ihrem Sohn zusammen.

Dann der Anruf eines Tages: „Ich glaube, die Mama ist tot!“ Sie muss 'ne falsche Dosis oder schlechten Stoff genommen haben, die Nadel steckte noch im Arm, als man sie fand. Der Verlust war der übelste Schmerz, doch heute lebt sein Neffe ziemlich selbstständig. Was mit dem zweiten Kind der Schwester ist, das weiß er nicht.
Arbeiten, Feiern und Reisen – immer dabei: sein bester Buddy. Regelmäßig geht es nach L.A., und dort bleibt er grundsätzlich clean. Irgendwann überqueren die beiden zu Fuß die Grenze nach Mexiko. Auf dem Rückweg schleppt er kurz den Rucksack seines Buddys, schon kleben die Spürhunde an ihm. Nichts ahnend hatte er gerade 'ne Menge Koks über die Grenze geschmuggelt und mehr Glück als Verstand gehabt!

Nach diesem Urlaub kriegt sein Freund die Diagnos MS. Die Krankheit wird zur Last, bevor sie überhaupt ausbrechen kann. Die Angst vorm Rollstuhl erstickt er mit einer Tüte überm Kopf und zieht ein Gummiband drum. Für Trauer ist kein Raum, da ist nur Wut! Der Alkohol ersetzt den besten Freund, denn „schneller können Probleme nicht weg gehen!“ 
1995 heiratet er, in kleiner Runde, doch in großem Stil: auf einem Pier am Manhattan Beach. 1996 wird sein Sohn geboren, 1997 seine Tochter. Geld ist kein Thema, er ist erfolgreich als freier Bauleiter, es folgt der Umzug nach Innsbruck, später nach Frankfurt und dann nach Kiel, wo er ein Haus für die Familie kauft. Sein Alkoholkonsum ist unverändert, doch als Sucht versteht er ihn noch immer nicht. In 10 Jahren Ehe hat seine Frau immer zu ihm gehalten, doch erst am Ende hat sie ihn so weit – er schließt sich einer Selbsthilfegruppe an.
Doch leider wartet schon die nächste Hiobsbotschaft: sein Vater erkrankt an Blasenkrebs und will seine Abschiedstour durch Land und Freundeskreise planen. In den letzten Stunden vor dessen Tod liegen beide gemeinsam im Bett. Zum allerersten Mal wird er zu seinem Vater sagen: „Ich liebe dich!“
(Ich sehe den Namen des Vaters in seinen Arm gestochen. "Er hatte das gleiche. Ich tauschte bei meinem lediglich St.  Pauli durch Charly aus!")

Seine Kinder sieht er nach der Scheidung jedes Wochenende. Er bleibt vollkommen clean, wenn sie da sind, und ballert sich erst Sonntag Abends wieder voll. „Mein komplettes Lebensmodell war zerbrochen. „Ja, ich bin ein abhängiger Vater, aber dennoch bin ich ein guter Vater!“
Am 29.2.2008 (Schaltjahr) heiratet er ein zweites Mal und wird nach einem Jahr noch einmal Vater. Doch die Ehe war für beide ein „Versehen“, nach nur wenigen Monaten trennen sie sich zunächst räumlich – bis sie auch am 1. Hochzeitstag (nach 4 Jahren) kein Paar mehr auf dem Papier sind.
Endlich entschließt er sich für eine stationäre Psychotherapie, doch bekommt ausgerechnet dort seinen 1. Schlaganfall. Halbseitig gelähmt und ohne Sprache wartet gleich der 2. schon am nächsten Tag auf ihn. 6 Monate wird er im Krankenhaus behandelt, wo er sich zusätzlich durch einen Virus eine Hirnhautentzündung zuzieht. Zumindest ist er die Entzugserscheinungen los, so hat er Kraft, das Sprechen und Bewegen wieder zu erlernen. Grausame Erkenntnis dieser Zeit: Einsamkeit auf ganzer Linie! Niemand kommt ihn hier besuchen, hatte er doch nach dem Tod des Kumpels keinen Menschen mehr an sich heran gelassen.

 

Weil er regelmäßig seine Emails checkt, kann er auch auf Job-Offerten reagieren. Direkt nach seiner Entlassung zieht er nach Frankfurt und wohnt im Hotel, mitten im Drogen- und Prostitutionsviertel. Trotzdem bleibt er ein Jahr trocken, bis er einer Frau begegnet, die voll drauf ist. Doch er wird Heroin jetzt rauchen, denn er traut den Spritzen fremder Leute nicht. Sein Verdienst ist horrend, Kohle kein Thema, so dass der massive Konsum der beiden ohne Stress gesichert ist.
Doch leidet jetzt zum allerersten Mal sein Job unter der dichten Birne. Seine Assistentin, die verliebt in ihn ist, gibt ihm Rückendeckung, bis es einfach nicht mehr geht. Ausgerechnet jetzt meldet sich sein Sohn bei ihm, er möchte weg vom Bund und auch nicht mehr Zuhause bei der Mutter wohnen, weil er Probleme mit dem neuen Mann an ihrer Seite hat.

 

Er rafft sich wieder auf, schießt die Frau in den Wind und nimmt ein Kurzprojekt in der CH an, gefolgt von einem in Deutschland, so holt er endlich seinen Sohn zu sich. Ein Jahr lang leben Vater und Sohn in Saus und Braus, verprassen rund 240.000€, demolieren Hotelzimmer, kommen am nächsten Tag für alle Rechnungen auf und gehen großzügig auf Reisen (auch der Freund des Sohnes wird mit eingeladen). „Das Leben ist geil und eine einzige Party!“ - bis der Alkohol erneut nicht von ihm weichen will und der Sohn zurück zur Mutter geht. Das nächste Loch ist schon geschaufelt, und seine Verlustangst größer denn je! Bald ist auch alles Geld versoffen, sind beide Autos verkauft und ist die Miete im Rückstand. Er ist gezwungen, beim Amt seine Meldeadresse zu kündigen und trägt fortan im Pass den Stempel „ohne festen Wohnsitz“.

 

Sein ganzes Leben passt in eine kleine Reisetasche. Er schläft auf der Straße und macht tatsächlich eine Zeit lang „Platte“. Dann bricht die Kälte ein und er bezieht ein Männerwohnheim – ein altes Gutshaus mit 13 Zimmern, in seinen Augen etwas ganz Besonderes! Natürlich hält er sich auch hier nicht an das Alkoholverbot, leidet mittlerweile unter Depressionen und hofft noch immer auf eine Wende in seinem Leben. Der Leiter schickt ihn zum sozialen Dienst, wo er das Angebot zur Entgiftung mit Langzeittherapie bekommt. Doch haut er ab und fährt zu einer Frau, die er zuvor auf Kur getroffen hat. Als die einen Rückfall hat, bleibt er stark und flüchtet zurück in die Klinik. Zum ersten Mal besteht Gefahr des Suizids, er kommt mit seinem Leben und den Geschichten nicht mehr klar. Heimlich probt er das Erhängen, doch das Handtuch reißt, nachdem er sich zu früh fast zu Tode strangulierte. Endlich gerät er in die Hände einer wahren Korifäe, die nach gründlicher Amnese eine klare Diagnose stellt: bipolare Störung (Manie-Depression).

 

„Seit ich Tabletten nehmen muss, sind Ebbe (Depression) und Flut (Manie) im Gleichgewicht. Die Ebbe ist fast langweilig, nur manisch war ich mächtig kreativ!“
Jetzt beginnen die Spezialmaßnahmen, wo Pläne für die Zukunft gefestigt werden. Er willigt in ein Einzelcoaching ein und wird schon kurz darauf zu einem Bewerbungsgespräch geladen. Vom Hartz 4-Geld kauft er sich einen günstigen Anzug, stellt sich vor und kriegt den Job in Düsseldorf. Sein Sohn zieht wieder bei ihm ein, doch weiterhin bemüht er sich um ein Projekt in seiner Traumstadt Hamburg.
Ihm scheint die Sonne aus dem Arsch zu strahlen, denn tatsächlich kriegt er eine Zusage für Hamburg. Alles scheint perfekt, bis eine Freundin von ihm an einer Überdosis stirbt. Noch am selben Tag der Rückfall! Während sein Sohn im Ausland Urlaub macht, kippt er sich die Birne dicht, drückt sich die Nadeln in die Venen und bricht auf dem Sofa elendig zusammen. Als er am Morgen in Kotze und Blut erwacht, sein Handy in einem vollen Eimer neben der Couch schwimmt, meldet er sich sofort bei der Klinik und verlangt den Kalten Entzug! „Der Kalte Entzug ist die größte Foltermethode, die es gibt! Wenn du drauf bist, würdest du deine Seele für den Stoff verkaufen!“

 

51 Jahre Leben. Zum Abschluss spricht er mir noch von Gesprächen mit Udo Lindenberg in der Zigarrenlounge im Atlantik-Hotel. Er hatte weder seine Musik, sein Aussehen, noch sein Genuschel gemocht, bis..... sie sich durch Zufall plötzlich gegenüber stehen! Er lässt die ersten 100 Leben endlich hinter sich, eins wird jetzt reichen! Viele Menschen, die er liebte, sind gestorben – folgen will er ihnen lang noch nicht! Er hat drei Kinder, die ihn brauchen, und er hat Träume. Ein altes Reetdach-Haus und moderne Möbel, die er selber baut. Zum ersten Mal im Leben hat er sich versprochen, keine Nadel mehr in seine Haut zu drücken und die Flasche nicht mehr an den Hals zu setzen. Er hat das Risiko gelebt, inhaliert und eingenadelt – immer Überholspur, immer Doppelleben. Er will jetzt wieder zu den Lebenden gehören. Ich kann in seinen Augen sehen, dass er siegen wird, denn seine Augen sind nicht matt. Da ist noch Glanz.....und einer, der 100 Leben auf einmal geschafft hat, der hat noch mehr zu sagen..... und zwar nüchtern!

 

GLÜCK AUF!