Ich sehe meine Wurst bereits vor Augen, rausche über den Asphalt, denn ich sterbe vor Hunger. Als ich den Lütt'n Grill betrete, inhaliere ich das Grillaroma und könnte sofort hintern Tresen springen. 

 

Nur zehn Minuten später sitzen Harry und ich vor seinem Laden an der Straße - er filetiert seine Currywurst und ich beiß' in mein halbes Hähnchen (er hatte mich umgestimmt). Die Kruste ist der Hammer, und Harry verrät mir stolz sein offenes Geheimnis von Vor- und Zubereitung, und überhaupt, dass alles bei hm selfmade ist: sogar der Ketchup und die Mayo. Und wie lange er brauchte, trotz Unterstützung eines Chemikers, den ganzen Dreck, den der Markt seinen Verzehrern zum Fraß vorwirft, in seinem heimischen Küchenlabor zu untersuchen. Doch die Mühe hatte seinen Wert: das Beste ("deluxe") war gefunden!

 

Harry. Seine blauen Knopfaugen funkeln, wenn er spricht. Sein Herz schlägt im richtigen Takt, und so viel Fröhlichkeit und gute Laune habe ich lange nicht mehr derart ansteckend empfunden.

 

Ich fang' die Fragerei jetzt mal von hinten an. Was würde wohl auf Harrys Grabstein stehen?

“Wenn nicht jetzt, wann denn dann?“ Genau! Und so hat er es schon immer gehalten. Sein Anspruch an Werte und Moral ist hoch. „Ich will einfach ein guter Mensch sein!“ Das nehme ich ihm ab, und er strahlt aus, als fiele es ihm das auch noch leicht! Obwohl und trotz... wir machen einen Abstecher in frühe Tage:

 

Mit 11 Jahren verliert Harry seine Mutter ("Unfall"),  seitdem verging kein Tag, an dem er nicht an sie gedacht und nicht auf seine Art und Weise mit ihr „spricht“. Sein Vater, ein charismatischer Frauenverführer, doch auch Schwerstalkoholiker, ist überfordert vom Leben und seiner Rolle als Vorbild für seine drei Buben. Stand das Jugendamt vor der Klingel, spielte der Nachwuchs wieder „heile Welt“.

 

Ich bin ein Glückskind, auch wenn ich keine richtige Kindheit noch Jugend hatte.“ Als Harry sich selbst ins Heim einliefern lassen will, verhindern das seine Brüder und holen den Jüngsten zu sich. Er ist gerade 12, als er sich die ersten Jobs beschafft. "Einer der besten war mein Botendienst für die Huren!“

 

Sein halbes wildes Leben auf dem Kiez – und nie in eine Schlägerei verwickelt. „Ich hatte die schützende Hand eines Kiezbosses über mir. Besonders die 70er Jahre auf St. Pauli waren meine geilsten!“

 

Harry sieht nicht aus wie Jahrgang '60, doch wenn er spricht, dann hört man ein Füllhorn von Chroniken und Erfahrungen, die zu den Jahren passen – und die gleichzeitig mehrere Leben spiegeln könnten.

 

Nach der höheren Handelsschule geht’s ab zum Bund. „Die haben mich zum Mann gemacht! Vorher war ich nur ein großer Quatschkopf!“ Nach dem Dienst ist sein Ziel erst mal klar: Karriere! Und die beginnt im Keller einer Plattenladen-Kette („Membran“), wo er Bestände sortiert und am Ende jeden musikalischen Werdegang samt Verträgen drauf hat. Danach fasziniert ihn die Werbung und er schafft den Sprung in die Werbeabteilung, die er kurze Zeit später sogar leiten wird. Und schon ereilt ihn das nächste Ziel: einmal in die top 100 der Charts zu kommen. Jetzt sprudelt es nur so aus ihm heraus, mein Stift kommt kaum noch hinterher. Das Ende vom Lied ist schnell erzählt: „Wir kamen auf Platz 107. Ich hatte mein Ziel zum ersten Mal verfehlt! Und wenn du flopst, dann bist du plötzlich ganz allein.“

 

Gutes Stichwort, Einsamkeit und Freundschaften und seine Rollen als.....Freund? "Loyal, verlässlich und immer da!" Als Partner? "Kompliziert, schwierig, humorvoll! Wer mit mir nicht lachen kann, hat's nichts begriffen!“ Und Harry als Mensch? „Ich habe alles richtig gemacht! Ich liebe das Leben, warum es wohl auch mich sehr lieben muss. Und deshalb gebe ich so gern zurück. Es ist so einfach, meinen Einfluss sinnvoll einzusetzen.“ Schließlich noch Harry als ... Papa? "Konservativ, Wertevermittler und Welterklärer." Harry liebt Kinder, hat von zwei Frauen zwei Jungs, von denen der Große leider kaum was von ihm hatte. Zur Zeit der Geburt war der Fokus scharf aufs nächste Karrieretreppchen gelegt. Und wie im Vollrausch ging es Stufe um Stufe immer höher hinaus. 

 

Harry spricht besonders gern an Schulen und lehnt ohnehin nichts wirklich ab, warum er unterschiedliche Projekte gleichzeitig unterstützt. Jetzt spricht er mir von Briefen, die ihn immer wieder erreichen, nennt traurige Bitten und emotionale Anfragen. Am Ende hilft er, ohne lang darüber nachzudenken. Er liebt die Menschen, besonders jene mit Geschichten. Menschen, die was zu erzählen haben. Im Grund welche wie er. Er, der einfach macht und brennt, der ohne Angst und Zweifel ist. Der Menschen nicht nach ihrem Status unterscheidet. Einer, der nie wertet.

 

Natürlich war das noch nicht alles... denn irgendwann macht Harry noch in Print und bringt sein eigenes Stadtmagazin („Plex“) raus. Weil er nicht schreiben kann, tauscht er Konzertkarten gegen Texte. „Das Magazin hatte eigentlich das Zeugs zum ganz Großen, aber.....“ Naja, dann hätte es vielleicht das „Sounds“ (Wandsbeker Ex-Disko) für ihn nicht gegeben, oder den „Roxy Music Club“, und nicht die Bundeskegelbahn, und nicht das eigene Restaurant. Sein Traum vom eigenen Café, um seiner einzigartigen Prince-Sammlung eine Bühne zu geben, rückte durch einen Zufall in weite Ferne. „Und dabei hatte ich schon alle Hausfrauen und Muttis zusammen, die für mich backen wollten. Ich saß bereits auf deren Sofas und knabberte an ihren Törtchen." 

 

Apropos Frauen..... er sei jetzt schon ein ganzes Jahr mit seiner Freundin zusammen... nicht lange, außer für Harry.... er kann wohl keine richtige Bindung.... aber das Leben blieb bisher auch ohne Dauer-Welle für ihn aufregend genug.

 

Wir kommen zur Geburstsstunde des Imbiss-Babys. Mittlerweile die Konten voller Gold, eine Auszeit von einem Jahr hinter sich, als der Wunsch nach was Kleinem aufkeimt. Er schickt einen Makler auf die Suche nach so einem „Pleitelokal“. Der Makler scheint heimlich andere Pläne zu haben und schwärmt Harry von einem Imbiss vor, wie es ihn früher einmal gab.... . Und plötzlich war er da, als hätte er nur auf den Einen, den Besten, gewartet! “ Ein Laden, der bekannt war für seine Flukturation und Loser-Geschichten; für Besitzer, die nie lange blieben. 22 Jahre ist das heute her, und die Muse des Erfolgs knutscht Harry noch immer. 

 

Natürlich ist das Fernsehen, mit dem er nie was zu tun haben wollte, nicht ganz unbeteiligt. Doch zuvor schaffte er es auch allein, den Lüttn Grill zumindest in Hamburg (Schanzenviertel) bekannt zu machen. So verteilte er mit Freunden mal eben 10.000 Handzettel: „1/2 Hähnchen - 1,95 DM!“. Die Meinungen im Freundeskreis polarisierten sehr: vom Agenturchef und Porschefahrer zum Imbissbudenbesitzer?

 

Wenn es ca. 900 Imbisse damals gab, dann hatten sie nur einen vergessen: den besten! Und auf einmal standen sie alle bis zur Kreuzung Schlange. „Ich wollte nur, dass die mir alle einmal Guten Tag sagen!“ Der Imbiss hatte sich schnell rumgesprochen, die Qualität erst recht. Und dann kam das SAT 1 Frühstücksfernsehen!

 

Vom Gefühl der inneren Ablehnung, weil er dann nur „Ware“ sei, bis hin zu „hey, dann kennt ganz Deutschland mein Baby!!“ Und so zieht Harry schließlich als Gastronomie-Tester durchs Land, später wird Europa draus. Er holt die guten und die schlechten Speisen auf den Mattscheibenteller seiner Zuschauerfans. Jetzt kennt ihn jeder, und am Ende bricht die Zuschauerredaktion des Senders nicht nur einmal zusammen! Und auch sein Konto, denn von anfänglicher Aufwandsentschädigung ist er plötzlich weit entfernt.

 

Seit 10 Jahren sieht man ihn im Fernsehen, das Ende ist nicht ausgesprochen. Moment.... schrieb ich vorhin, "einer, der nie wertet"? Ich frage ganz spontan, ob er schon Morddrohungen erhalten habe, wenn er als Gastro-Tester zwar nicht direkt (ab)wertend, doch ziemlich deutlich hinterfragend war und damit deutlich machte, dass X oder Y in einem Essen nichts zu suchen habe. Und was sagt Harry? "Doch!" Jetzt wandelt sich sein Lächeln in ein breites Grinsen. Den bringt auch gar nichts aus der Ruhe!

 

Pläne für die Zukunft hat er nicht. Doch Ängste hat er auch nicht. „Ich denke, ich bin einfach angekommen.“

Täglich lässt er sich mindestens 1 Stunde lang in seiner Grillstube blicken; und kommt er mal nicht, dann ist er vielleicht gerade wieder auf längerer Drehtournee und sein super Team schmeißt alles zuverlässig ohne ihn. (Anm.: Bis 23h ist offen, und ab 22h gibt’s Reste-Essen).

 

Vorbilder? „Max Schmeling! Der kämpfte, fiel und stand immer auf. Und später hat er seinen Mitarbeitern jeden Tag die Hand geschüttelt.“ Lieblingsplätze? „Da gibt es so einen im Hirschpark. Und manchmal gehe ich ins Café Fees.“ Sein Lieblingsessen? "Labskaus!" Seine Freunde? „6 beste!“ (darunter ein paar Promis).

 

Ob er Spuren hinterlassen hat? „Das schaffen nur die ganz Großen, davon gibt es nicht viele. Aber ich hoffe, ich habe viele Menschen zum Lachen gebracht!“