20h05. Mit 5 Minuten weiblicher Verspätung betrete ich den Salon in der Binderstraße. Hier, wo sich Kunst & Handwerk verbinden, Chill-Musik den Salon durchdringt und sicherlich auch Lockenwickler tanzen können. Gekühlter Gin Tonic und andere Drinks ziehen nicht nur die Kunden an die Bar. Ein Gesamtkunstwerk an Atmosphäre, wie du sie eben niemals findest im Frisörsalon von Uschi Müller um die Ecke. Hier ist Treffpunkt, für die schönen, sehr schönen und schönsten Frauen der Stadt.

Hier, das ist fast wie „Zuhause frisieren“, und Zuhause bedeutet übersetzt „Cut for friends“. Hier schüttelt man Urgestein Michi die Hand, wird nach der Behandlung verstehen, warum Strähnchen nicht gleich Strähnchen sind, und darf erleben, warum es sich anders schneiden lässt mit einer Schere im Wert von über 500€.

Michi Jung – Promi- und Starfriseur? Er hasst diese Begriffe und ich ziehe sie charmant zurück.
Wir schreiben den 3. Oktober 1998. Deutschland feiert sich, und mittendrin jagt noch ein anderer Raketen in die Luft: Michi Jung in seinem 1. Salon im Schrammsweg. Einer, der lange Zeit nicht wusste, was er werden soll. Nur, was er haben wollte: schöne Frauen um sich rum, oder solche, die er schöner machen kann. 
Zuhälterei war keine Alternative, lacht er, er würde keine Frauen schlagen. Haare frisieren statt Fresse polieren!
So wurde er Friseur. Punkt. Warum er so gewachsen ist, seine Karriereleiter sich wie eine Kurve beim EEG liest, hat seinen Grund: enormer Ehrgeiz! Und weil es für einen wie ihn keine Sicherheiten, nur Gelegenheiten gibt, ergreift er sie und macht was draus: Schulungen, Fortbildungen, Workshops, Seminare. Immer weiter, immer besser, immer mehr.
Heute, 16 Jahre später, schult er längst selbst und wird gebucht als Meister seines Handwerks. Voller Stolz behauptet er, einer der besten deutschen Arbeitgeber in seiner Branche zu sein. Er fordert und fördert sein Team, zahlt über den Durchschnitt hinaus, erwartet dafür aber auch die besten Ergebnisse! Den besten Service!
Michi erinnert manchmal an den Bohlen, weil nicht minder frech und ehrlich. Die Sprüche stehn nicht still, doch sein Herz klopft stets am rechten Fleck. Michi, ein Reisender durch alle Gezeiten, doch am liebsten durch den Fortschritt. Sein Traum: 2 Monate Hamburg, 2 Monate New York. Am liebsten wäre er ein Teil von New York!
Er ist schnell, schneller, am schnellsten. Seine Waffe: sein Gespür für Trends, die noch geboren werden. Die Spezialität seines Teams: Farben! Vielleicht war doch ein bisschen Glück im Spiel? Zumindest eine weitere richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt: „die Jacke des Jahres“, das HH-Wappen auf Trainingsjacken, hängt 2004 nicht nur in allen deutschen (!) Kleiderschränken, Gäste reißen ihm für einen 100-fachen Aufschlag das Textil direkt vom Leibe. Als auch noch Lagerfeld, Robby Williams u.a. internationale Raketen die Jacke tragen, fliegt er über den Zenit hinaus.
Heute lässt er nicht mehr produzieren, er ist durch und hat alles verkauft. Sein Fokus liegt auf den (alle 2)jährlichen Salon-Safaris, die er macht – mit Argusaugen streift er durch der Staaten hippste Läden und korrespondiert mit den ganz Großen. Er inhaliert deren Gegenwart ein, die hier in Deutschland noch Sciene Fiction ist. Doch dafür gibt's ja ihn...
Er setzt um und immer noch einen oben drauf, besonders für jene Stammkunden, die immer ein bisschen schneller en vogue sein wollen als eben die anderen. Michi ist schnell! Ein Meister durch und durch; wild und rockig, ein Vollbart mit Charakter, in Leder, Grauzopf und Totenköpfen an 9 Fingern.
Die Zeit ist um. Sein bester Freund Christian Barz (Star-Fotograf) stößt zu uns, gemeinsam fallen wir über Schnitzel und Sushi vom Feinsten (X-Bar) her, bevor ich mich satt und voller Notizen in meiner Clutch davon stilette.
Anm: ich kenne Michi seit meinem 17. Lebensjahr. Er war mein bester Freund. Ich verlor ihn aus den Augen – aber werde ihn ganz sicher wieder im Blick behalten. Einer wie er geht seinen Weg immer weiter. Immer schneller. Immer engagierter. Ich ahne, dass viele Mädchen Friseurin werden wollen, der klassische Mädchentraum stirbt niemals aus. Aber „Frisöse“ sterben aus, weil eine Schere allein eben noch keine Meisterin vom Fach macht!