Als Kind schon zog es mich in diesen Bann. Es war mehr als ein Betrachten und Beobachten, viel mehr schien ich starrend zu versinken.

„Guck da nicht so hin“; hieß es damals. Nannte man es 'da'?

Heute schämt man sich dafür. Und damals... hatte das ohnehin nichts gebracht. Ich machte weiter. Konnte mich dieser Faszination unmöglich entziehen. Das ist bis heute so geblieben. Das geht auch nicht mehr weg.

 

Und dann.... über 40 Jahre später, wurde ich beschenkt, als Eltern mich für die 'Willkommensfeier' ihres kleines Sohnes gebucht hatten.

„Conni! Du wirst begleitet von einer Gebärdensprachdolmetscherin. Ist das okay?“

Und um genau DIESE geht es heute. Maren Fettkenheuer. *5.1.87, in Rostock.

Ihr war schon lange klar, mal einen Beruf auszuüben, in dem Sprache über die Hände kommuniziert wird.

In 7 Semestern lernt sie.... und lernt wohl niemals aus. Ihre Dozenten waren natürlich alle gehörlos, und man MUSSTE schließlich kommunizieren. 

Nach dem Studium lässt sie sich in Listen eintragen und meldet sich bei Verbänden. Zunächst ohne Schwerpunkt, später reizt sie die medizinische Branche – reizen sie Geburten und Operationen.

Sie lernte, von den Lippen abzulesen, was jedoch, sogar bei bestem Licht und sehr viel Übung, zu max. 30% gelingen würde. Simultan kann sie natürlich auch.

 

Sie spricht von einer verstorbenen Kundin, die sie – mit Kollegen - über einen langen Zeitraum durch die Odyssee von Untersuchungen, aufgrund einer schweren Krankheit, begleitet hatte.

„Ich war die letzte an ihrer Seite, bevor man beschloss, die Geräte abzustellen. Aber wir sind keine Betreuer, das muss man dabei auch beachten. Ans Herz gehen solche Einsätze trotzdem sehr.“

 

Die Polizei buchte sie auch, und Maren erinnert das Herzklopfen, als die ersten Anrufe eingingen. Sie spricht von langen Prozessen um Drogendelikte und Vergewaltigungen.

Ins Fernsehen wollte sie nie, bloß kein Mittelpunkt auf einem Bildschirm sein. Die Bühne reizte sie viel mehr. Sie zählt Politiker, Schauspieler und sogar John Neumeier auf. „Ich komme mit Menschen zusammen, die man unter anderen Umständen niemals getroffen hätte.“

 

Vergütet wird sie vom Sozialamt, von Trägern der Stadt, Krankenkassen oder aus privater Tasche. Oftmals gibt es Fördergelder.

 

„Weiß du, Conni, selbst mit ausländischen Gehörlosen kann ich oft besser kommunizieren als mit hörenden Ausländern.“

Sie spricht von Fällen, die sich auf Jugendämtern zugetragen hatten – von Stühlen, die man nach ihr warf, von Beschimpfungen auf nonverbale, aggressive Art.

 

Ich frage sie, wie leise die Welt der Gehörlosen wohl sein mag.

„Sie ist nicht leiser – für uns sogar lauter als die unsere!“

Maren erinnert noch sehr gut eine Party mit 100 Gehörlosen, auf der sie (während ihres Studiums) Getränke ausgeschenkt hatte.

„Ihr Lautieren war sooo laut! Ein ganz bestimmtes Lied lief in Endlosschleife, weil der Bass so herrlich spürbar war! Wenn es pulsiert, dann sind Gehörlose viel lauter, da sie ihre Stimme ja nicht kontrollieren können.“

 

Vor ein paar Wochen traf ich mich mit einer meinen süßen Bräute, die ihre wunderschöne gehörlose Mama mitgebracht hatte. Maren saß ihr gegenüber. Da war es wieder, dieses faszinierte Starren. Diese Sprache, die ich so gern verstehen würde. Eine Sprache, als würde man Bilder in die Luft malen und sie seinem Gegenüber schenken. - Ich glaube, umgekehrt bin ICH noch eher zu verstehen … gestikuliere ich doch schon mein Leben lang. Einmal, ich war etwa 17, sagte eine Frau zu mir:

„Ich könnte dich fast ohne Worte verstehen, weil du so deutlich mit den Händen sprichst!“

Kurz war da ein Anflug, diese Sprache auch zu lernen. Doch mehr als der Kauf eines Buches über Gebärden wurde es dann nicht.

 

Maren. Eine tolle, faszinierende Frau, die ich gern eines Tages durch einen Einsatz begleiten möchte. Aber erst einmal stehen wir beide wieder nebeneinander auf einer Feier. Ich rede – und sie übersetzt mich.