Irgendwo in Hamburg. Genauer: an einem "secret place". Ich treffe eine ganz besondere Dame und weiß sehr wohl ums Privileg, sie besuchen zu dürfen. An unserem vereinbarten Platz hält ein kleiner, alter Geländewagen. Das wunderschön „kostümierte Wesen“ hinter'm Steuer erinnert mich sofort an Märchen, Kindheit und andere Zeiten.

Ich folge ihr über Schotter, durch Wald- und Wiesengebiete, Pferde links und Schafe rechts. Dann sind wir da. Wo auch immer. Die Landschaft ist leise......noch. Ich knipse meine Welt für ein paar Stunden aus, lasse die Großstadt hinter mir und versinke in einer Kulisse, in der der Geist der Zeit vor langer Zeit schon eingeschlafen ist.
WILLKOMMEN im Reich von GUDRUN DERLIN!
Ihr Wachhund erwartet mich schon und auch die Hühner laufen vorm Eingang ihres umgebauten Domizils herum. Vor Aufregung kneift mir die Blase und ich soll ihr Revier jetzt irgendwo mit meiner Großstadtpipi markieren. Und wenn es mehr wird, würde sie mir auch ein Tütchen geben. Gudrun Derlin!
*1951 in Lübeck, höhere Beamtentochter, 1 Bruder, Halbwaise mit 19. Fürs Abi ist sie zu faul, kann es ohnehin kaum erwarten, auszubrechen! Sie verliebt sich in einen Lübecker Playboy, verlobt sich mit ihm und wird kurz vor der Ehe sitzen gelassen. Um der Enge zu entfliehen, reißt sie aus und steuert Hamburg an. Ihr Gepäck ist voller christlicher Werte, Prägungen aus ihrem Elternhaus.
Die 70er sind in vollem Gange, Hippies bevölkern das Land und prägen den Zeitgeist. Gudrun genießt diese Freiheit, bleibt lediglich dem kollektiven Kiffen und anderer Drogen fern. Sie wird ihr Geld u.a. als Model verdienen und steht als erste (komplett) Nackte auf einer Bühne, wo sie „die schöne Helena“ spielt. In der Szene ist die Tänzerin als „Discoqueen“ bekannt. Der „Pate von St. Pauli“ wird ihr Protegé, sie braucht den Kiez nicht zu fürchten und hat freien Einlass in alle angesagten Clubs der Stadt. Bis das Nachtleben langweilig wird.....
Sie jobbt deutschlandweit als Messehostess und erkennt die neue “Grüne Welle“ als auch ihren Trend. Gudrun kauft sich ein Pferd und lebt die pure Natur, wird zur Bio-Pionierin, frisst nur noch Körner, trägt Latzhosen und verlobt sich mit einem Landschaftsarchitekten. Doch dieses Mal wird SIE sich entloben und begegnet später, im Keller des Blankeneser Strandhotels, ihrer ganz großen Liebe: einem Wiener Maler. Sie steigt in ihre Ente und zieht zu ihm nach Wien. Gudrun wird Kunstagentin aus Leidenschaft (Anm: 300 DM kosten seine Werke zu Beginn, nach fünf Jahren liegen sie bei 30.000 Dollar); bis das Schicksal ihr kräftig ein Bein stellt: Ihr Freund ist Mitglied bei Scientology! „Meine Werte und mein christlicher Glauben verhinderten, ebenfalls in deren Fänge zu geraten.“ Beflügelt von der Idee, Heldin und Retterin ihrer Liebe zu werden, ihren Maler aus den Fängen zu befreien, arbeitet sie sich bis in (gewisse) geistige Tiefen vor.
Von der Organisation als „clear“ eingestuft, gehört sie - auch ohne Zugehörigkeit - zu den „celebrities“ - spülen die Werke ihres Freundes immerhin horrende Summen in die Taschen der Sekte!
Gemütlich ist es hier im Innern ihres Wagens, so stellte ich mir stets „Zigeunertempel“ vor. Sie habe sich schon immer mit dem „fahrenden Volk" verbunden gefühlt.
Gudrun Derlin ist eine wunderschöne Frau, anmutig und strahlend. Und sie scheint so eins mit ihrer selbst gewählten Einsamkeit zu sein, in siamesischer Verbindung mit der Natur, deren Spuren ebenfalls Bewohner im Innern sind. „Ich mag den freien Lauf der Natur, mag sehen, wie sich Dinge verändern, wenn man die Natur nur lässt!“ Staubwischen und Saugen werden nicht sehr ernst genommen, und Spinnen seien ihre Freunde! - Diese Frau, die noch vor vielen Jahren mit ihrer Künstler-Liebe durch die Hollywoodreihen gereicht wurde, mit dem Manager von Siegfried & Roy speiste, Sammy Davis jun. kontaktete, in Las Vegas neben DEM Mr. Field sass, und in Malibu am Strand neben Steven Spielberg wohnte...
...den Glamour trägt sie in sich, die Erinnerungen verblassen nicht. Aber auch nicht die Schattenseiten, die sich hinter Kostümen vor Fremden gut verstecken lassen. Nachdem Scientology ihrem Freund nahelegt, sich von ihr zu trennen, bricht für sie die Welt zusammen. Heimliche Treffen mit Aussteigern der Sekte, bei denen man ihr Geheimakten aushändigt (übergibt sie später dem SPIEGEL für eine Dokumentation), bringen ihr keinen Erfolg in Bezug auf ihre Beziehung.
Schwersten Herzens trennt sie sich von ihrer Liebe, zwei gebrochene Herzen gehen ihre Wege – nur ihr Lebenswille und Glaube an Jesus Christus tragen sie über den Verlust hinweg! Erneut begegnet sie einem Künstler, lebt in Bayern und wird schwanger – sie ist 36 Jahre alt. Auch diese Beziehung endet, weil erneut eine Sekte im Spiel ist. Wieder reißt sie die Brücke ein und zieht – mit Nachwuchs im Bauch – nach HH zurück, wo sie allein ihr Baby zur Welt bringt.
Sie möchte endlich mal die Bibel sowohl ganz lesen als auch verstehen und besucht eine Bibelschule. In dieser Zeit entdeckt sie die Harfenzither und vertreibt sie in ganz Deutschland. Gebete geben ihr Kraft und Heilung, und nur wenige Jahre später erfüllt sich noch einmal ihr Wunsch: eine neue Liebe! Ein "bekehrter" Rocker bittet um ihre Hand, und mit 270 Gästen wird in einem Zirkuszelt die Hochzeit gefeiert (BILD und "Hamburger Abendblatt" berichteten).
Die Sehnsucht nach wahrer Nähe ist immens groß, doch ihr Mann KANN sie nicht stillen, ein Trauma aus seiner Kindheit hält ihn gefangen. 2009 bricht ihr Leben, ausgelöst durch einen Autounfall, schon wieder ein. Mit Kniefraktur und in albtraumartigem Bewusstseinszustand (Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung) überwintert sie in einem Wohnwagen, die Scheidung und eine schwere Depression folgen im Anschluss. Fortan wird sie das Leben nur noch in der Einsamkeit und unter der Maske des Kostüms ertragen und zieht aufs Land zu ihren Tieren.
„Erst, wenn du MUSST, raffst du dich wieder auf!“ Und hierin war sie stets erfolgreich! Als Märchenfrau und Kostümperformerin schlüpft sie in Rollen, zeigt kleine Kunststücke mit ihren geliebten Tieren, besucht Demenz-Stationen mit Schaf "Krümelchen" und Seidenhahn "Federfein". Außerhalb der Auftritte freut sie sich, wenn ihre Tochter (27) sie ab und zu besuchen kommt.
Gudrun Derlin – eine schöne Frau in einer ganz eigenen Welt und voller Geschichten. „2 Verlage wollten schon meine Geschichte drucken. Mal schauen....“ Klar, mal schauen. Hier draußen ticken Uhren einfach anders. Ich bedanke mich für meinen Tee, für den sie frisches Wasser aus einem Kanister aufkochte. „Sonst nutze ich das Wasser aus der Regentonne!“ - Was ist mir diese Frau nur voraus...
....und wenn ich heute Abend in meiner Wanne liege, in 30 Litern Wasser aus dem Hahn, dann wünsche ich mir ebensolch bescheidenes Auftreten, wenn ich mal groß bin. Aber das kann dauern.....