Conni & der Schriftstehler.

„...am Abend Mauern neu errichten und ungewollt den Tag verfluchen. Einsam nach dem Schlafe suchen, niemals finden, niemals finden. Einsam nach der Einen suchen, niemals finden, niemals finden.“ (Armin Sengbusch, „Regentränen“)

 

Er, der ganze Säle füllt, sitzt ganz allein mit mir in seiner Küche und schüttelt mir nach eigenem Patent die Milch zu Schaum. Und er schüttelt und schüttelt …und auf einmal ist im Glas der schönste Schaum der Welt. Später werde ich mir auch so ein Glas Kirschen kaufen - Scheiß auf den Inhalt.

 

Und dann legt er los, mein Schaumschläger der Woche...

 

Schriftstehler, wie er sich nennt, spricht mir Fragmente seines Lebens entgegen. Unsortiert. Unzensiert. Und ungefiltert. Ich steige voll ein, noch irritiert ob seiner Reihenfolge, doch kriege ich die Puzzlestücke schon zusammen. Die Fragen, die ich mir so schön zurecht gelegt, die können jetzt nach Hause gehen, sind bloß noch hungrige Statisten, die vergeblich nach Einsatz lechzen. Das wird nix mehr, ich bleibe still und ganz doll Ohr, denn er erzählt... und erzählt... weil einer wie Er auch echt was zu erzählen hat. Nebenbei stenografiere ich angeberisch mit.

 

Alles beginnt am 10.8.1967. ER beginnt. Geboren in Pinneberg, gezeugt in Pakistan, wo die Familie seiner Mutter aus beruflichen Gründen hingezogen war. Seine Mutter ist 19, als sie von einem „Beau & Filou“ (Beweisfoto darf ich sichten) schwanger wird. Unter erschwerten Bedingungen reist sie nach Deutschland zurück, kehrt aber 6 Monate nach der Geburt erneut nach Pakistan - und bleibt mit Baby Armin noch ein halbes Jahr. Zurück in Deutschland heiratet sie und bekommt vier Jahre später ihren zweiten Sohn.

Schon jetzt trägt Armin Traurigkeit und Dunkelheit in sich, fängt an zu schreiben und zu zeichnen, seit er zum ersten Mal den Stift alleine halten kann. Der Umgang seines Vaters ist roh, seine Erziehungsmethoden enden oft in Gewalt und hinterlassen Spuren auf der jungen Haut; ein anderes Mal wird der Vater Armin einen Zahn rausschlagen. Bettnässer sei er gewesen, habe in die Ecken seines Kinderzimmers gepisst - und sogar Tiere gequält.

 

Aufs Abi folgt der Traum von der Schauspielerei, doch statt Unterstützung erfährt er Nötigung zum "Soliden": erst Lehre (Bürokaufmann) und folgend ein Studium (Lehramt), bis ein Schlüsselerlebnis Armin endlich "heilt": während eines Psychologiekurs behauptet eine „Samtschleife“, dass Eltern heutzutage ihre Kinder nicht mehr schlagen würden. „Solche Kolleginnen wären mein Alptraum gewesen!“

Der Fußball wird sein Stabilisator, Armin zieht sogar zu seinem Trainer, als der Zoff Zuhause Dauerschleifen zieht. Nach einem Jahr kehrt er zurück ins Elternhaus.

 

Mit 24 bricht sein Weltbild komplett zusammen.

Am Ende wird er sich sagen, er habe in Ansätzen gewisse Zweifel schon immer in sich getragen. Den Stein ins Rollen bringt die Frage seiner besten Freundin. „Warum haben deine Eltern eigentlich erst nach deiner Geburt geheiratet?“ Diese Schicksalsfrage, ein Wachmacher und berechtigter Hinweis. Es folgte die Konfrontation mit seiner Mutter, dessen Gesichtsausdruck ihm Antwort genug war....  Er war nicht nur ein „Bastard“, er hört jetzt auch zum ersten Mal von seiner Adoption! "Man habe immer den richtigen Zeitpunkt gesucht... den konnte aber niemand finden, weil es den nicht geben kann. Mich wollten sie nie schützen, es ging dabei nur um sie selbst und ihrer Angst vor Konsequenzen. Ich hing komplett in der Luft, auf einmal waren 50% von mir weg. Meinen leiblichen Vater zu suchen - eine wahre Challenge. Die Melderegister in Pakistan sind mit deutschen nicht zu vergleichen."

 

Mittlerweile haben wir das Gespräch in den Garten auf ein Plätzchen Sonne verlegt. Wir reisen in seine 90er Jahre, Frauen werden zum Dauerthema. Gemischt mit Alkohol, Gras und LSD ist der Aufputschcocktail perfekt. „Ich war so leicht entflammbar, und die dauernden Frauengeschichten halfen mir, die Birne frei zu kriegen“. Doch die Glücksgefühle hielten nicht an, max. 2 Monate, dann war er (es) wieder weg. Mit erkämpftem Bafög-Mammon reist er einer neuen Liebe nach Australien hinterher - und kommt zu spät. Er verlängert trotzdem seinen Aufenthalt und trifft am friedlichen Byron Bay-Strand eine Entscheidung: KÜNSTLER zu werden! Zurück in Deutschland nimmt er Gesangsunterricht, kauft sich ‛ne Klampfe, wird Poet und gibt Vollgas!

 

1997 wird er Texter für Zeitungen, schreibt über Sportvereine und füllt die Konten prall. 2002: Gründung einer eigenen Internetagentur, Aufspüren von Entwicklungen - doch wird er für den Blick in die Glaskugel der Zukunft nur belächelt. Bis zu 1 Mio pageviews / Tag ist eine stolze Zahl – doch als Vermarkter versagt er kläglich und geht in die Insolvenz.

Jetzt brennt er komplett aus, braucht das Erbe seiner Oma auf und hat zig mal Suizidgedanken. Vorm Spiegel will er sich sprichwörtlich mit der Schere die Schmerzen unter seiner Brust herausschneiden! Doch die Depressionen bleiben ... sind ungebetene, aufdringliche Dauerbesucher, die immer wieder suggerieren: „Du bist kein Schmetterling! Du bist eine Raupe, gefangen im eigenen Kokon!“ Aktivitäten sind seine einzige Medizin, als Gegenwehr. 

 

Die nächste Wende zieht er an, begegnet einer Frau, (angebliches) ehemaliges Entführungsopfer (Vater Diplomat). Später stellt sich raus, dass diese Geschichte nur ihr Familienleben mit Mann und Kindern vertuschen sollte.

„Armin, hast du schon mal jemand umgebracht?“ – „Frage nicht, ob! Frage, wie viele es waren!“ Diese seine Antwort - ein Meilenstein! Sein neues Image, aufgebaut auf Dauerlügen, zieht er 3 Jahre lange mit Überzeugung durch. Er ist der „Berufskiller“ und bekräftigt: „Tatsächlich hatte ich aufgrund meiner psychischen Biografie mindestens 5 Kriterien erfüllt, ein echter zu werden!“ Nach und nach verliert er Freunde, die keinen Bock auf einen Irren bzw. Killer hatten! Bis eine enge Freundin ihn zur Wahrheit zwingt....

 

Der Vorhang fällt, und da steht einer, der ab jetzt nur Wahrheit sprechen und auch schreiben will. Verarbeiten und therapieren wird er sich durch seinen ersten Roman „das Chamäelon“. Und er schreibt weiter - 7 Bücher bringt er auf den Markt (3 Bühnentexte, 2 Lyrikbände, 1 Kurzgeschichtenband, 1 Satireband, 1 Roman). Er steht als Musiker auf der Bühne und gibt Gitarrenunterricht. 2008 verliebt er sich erneut und heiratet. „...auf der Suche nach dem Fixpunkt!“ Doch seine Frau will den Mann, der seine Kunst zu Reichtum macht, er selbst fühlt sich von ihr nicht mehr gesehen. Er macht Schluss und schwört ab jetzt den Weibern ab. Auf zum Rückzug! Er schließt sich in der Bude ein und verdunkelt über Wochen die Räume. Bewegung bedeutet jetzt, DVDs in den Schlitz zu schieben und unentwegt zu schreiben. „Ohne mein Kämpfer-Gen hätte ich mir nie in den Arsch treten können!“

 

Als er zum Poetry Slam kommt, ist er 20 Jahre älter als der Durchschnitt, doch startet zu Beginn schon als Komet am Slam-Himmel. Kein Preis, den er nicht abräumt – ein Schuss von Null auf 100. Doch hinter den Kulissen galten damals noch andere Regeln und lediglich dem Publikum bleibt er der Favorit.

 

Seiner heutigen Frau begegnet er nach (s)einer Show. Berührt geht sie auf ihn zu, umarmt ihn, und er.... lässt sie nie wieder los. Sie heiraten und werden Eltern. Doch der Druck ist enorm, er packt nichts mehr und sucht zum ersten Mal 'ne Therapeutin auf. Diagonose: Dysthymie. „Conni, schönes Wort, oder?“ Depression und dauerhaft chronische Verstimmung mit bipolaren Tendenzen seit dem 9. Lebensjahr. Zwei Jahre nimmt er willig jede Hilfe an und verzichtet bewusst auf Medikamente, weiß Zuhause seine beiden Anker, sein Ankommen, seinen Hafen.

 

Er füllt ganze Säle, bringt Massen zum Lachen, und wird selbst nur von einem stets zum Lachen gebracht: von seinem Sohn. Unterm Strich hasst er sogar Massenansammlungen. „Doch ich will Brandspuren hinterlassen!“

 

Wie kriege ich unsere Begegnung und sein Leben auf drei Seiten?

Als ich gehe, signiert er mir seine Bücher und eine CD. Heimlich werfe ich einen Blick in sein Arbeitszimmer. „Wie sollte es hier schon aussehen, wenn ich meinen Kopf nicht klar kriege?!“ Die Wohnkosmetikerin lächelt und würde am liebsten gleich hier loslegen. ;-)

 

Ich danke. Für zwei wundervolle Stunden und den intimen Einblick hinter die Kulissen einen großen Wahn-Sinnigen. Jetzt mach ich Schluss. Ich muss ihn weiterlesen....ein paar „Regentränen“ warten schon auf mich... vielleicht wasch ich auch Tränen aus dem Regen...?

 

Seine website: http://schriftstehler.de

Seine Krankheit als intimer Blog auf https://www.youtube.com/watch?v=wBJKQby1VC0

Ein lyrisches Duett mit ihm & mir:

https://soundcloud.com/schriftstehler/von-jetzt-an